Infinite Scrolling: Unendliche Qual

Ist es nicht bequem, wenn man auf einer Website nicht durch einzelne Seiten klicken muss, sondern einfach nur zu scrollen braucht? Ja, es ist in der Tat nicht bequem.

Sisyphos' Stein wird am Gipfel von einem Dämon wieder hinuntergestoßen.
Ein Webdesigner (rechts oben) implementiert Infinite Scrolling (»Unendliches Rollen«). (Quelle: Abraham van Diepenbeeck & Cornelis Bloemaert / CFCF)

Es gibt ja viele Trends im Webdesign, bei denen es mir vor Abscheu die Zehennägel aufrollt. Neben bombastischen Websites, die sich minimalistisch nennen, spielt auch sogenanntes Infinite Scrolling (»Unendliches Scrollen«) in der ersten Liga dieser Abscheulichkeiten mit. Gemeint sind damit Seiten, auf denen beim Scrollen – etwa mit dem Mausrad – immer wieder neue Inhalte nachgeladen werden, sodass man bei entsprechend viel Inhalt praktisch nie ans Ende gelangt.

Es ist nicht lange her, da wurde parallel zu »scrollen« auch noch das deutsche Wort »rollen« verwendet. Wirklich durchgesetzt hat sich das nicht. Forderte man heute im Büro jemanden auf »ein Stück nach unten zu rollen«, sollte man besser etwas Abstand für die nachfolgende Turnübung lassen. Aber zumindest auf deutschen Tastaturen findet sich »Rollen« bis heute rechts oben als eigene Taste.

Das Rollen empfinde ich im Zusammenhang mit Infinite Scrolling aber als wunderschöne Analogie, denn es erinnert mich an die Geschichte von Sisyphos, der mittlerweile seit Jahrtausenden zur Strafe der Götter einen Stein immer wieder einen Hang hinaufrollen muss und doch nie oben ankommt. Das gleiche Erlebnis bieten uns heute trendbewusste Webdesigner auf diversen Internetseiten.

Anklagepunkte

Als selbsternannter Verteidiger guter Benutzerfreundlichkeit erhebe ich Anklage gegen Infinite Scrolling in folgenden Punkten:

  • Die Bildlaufleiste bietet keine Orientierung mehr.

    Eine Bildlaufleiste dient nicht nur zur Steuerung, sondern ist auch eine Orientierungshilfe. Wenn ich erst einen Wikipedia-Artikel bis zum Ende lese und dann einem Link in der Mitte des Textes folgen will, weiß ich, dass ich die Leiste etwa in die Mitte zurück bewegen muss, um diesen Link wieder zu finden. Wird dagegen am Ende des Artikels gleich ein anderer nachgeladen und angehängt, ist nicht mehr nachvollziehbar, wohin ich scrollen müsste.

  • Es gibt keine Seiten als Orientierungspunkte mehr.

    Wenn ich bei Amazon nach Produkten suche, sortiere ich Freizeitschotte sie aus Prinzip immer nach dem Preis. Meistens habe ich dann auf den ersten Seiten nur irgendein billiges Zubehör und bekomme etwa statt ganzen Laptops nur Ersatzteile vorgeschlagen. Da ist es Gold wert, gleich mehrere Seiten überspringen zu können und nicht erst durch den ganzen Plunder scrollen zu müssen. Natürlich könnte ich in diesem konkreten Fall auch noch weitere Filterfunktionen nutzen, um etwa den Preisbereich einzuschränken, aber das wäre weit aufwändiger und in der Regel müsste ich da schon konkreter wissen, wonach ich eigentlich suche.

  • Suchfunktionen finden keine Ergebnisse mehr.

    Wenn ich eine Seite nach einem bestimmten Begriff durchsuche, kann ich natürlich nur finden, was schon geladen wurde. Wenn ich noch nicht weit genug hinunter gescrollt habe, werde ich also gar nichts finden. Im besten Fall finden Suchmaschinen ebenso wenig Inhalt und ich muss mir daher keine Sorgen machen, dass es mich überhaupt jemals auf diese Seite verschlägt.

  • Die gesamte Seite ist von Skripts abhängig.

    Wenn der Nutzer Skripts blockiert oder auch nur ein kleiner technischer Fehler auftritt, ist die Seite praktisch tot. Selbst wenn nur zur Laufzeit ganz kurz ein Fehler auftritt und damit der nächste Abschnitt nicht geladen werden kann, bedeutet das immerhin, dass man die gesamte Seite neu laden muss. Und so etwas tritt durchaus auf. Auf Facebook hatte ich dieses Problem schon mehrmals – und das, obwohl ich Facebook nur in homöopathischen Dosen nutze.

  • Bei einer Rückkehr muss man wieder ganz von vorne beginnen.

    Stelle Dir vor, Du liest ein Buch auf Papier und auf Seite 120 klappst Du es zu und legst es zur Seite. Und jetzt stelle Dir vor, wenn Du es das nächste Mal in die Hand nimmst, musst Du vom Deckblatt weg durch jede einzelne Seite blättern, um wieder dorthin zu kommen, wo Du aufgehört hast. Bei Infinite Scrolling ist das die Realität. Mitunter genügt es schon irgendeinen Link anzuklicken, der im selben Tab geöffnet wird und schon darf man bei der Rückkehr wieder am Fuß des Berges mit dem Steinrollen beginnen.

  • Es gibt keine Deeplinks zum Teilen.

    In der heutigen Zeit, in der jedes Frühstück auf Instagram und Co. geteilt wird, ist das geradezu absurd: Mit Infinite Scrolling lassen sich keine sogenannten Deeplinks teilen – also Links, die nicht nur auf die Startseite einer Website verweisen, sondern auf eine konkrete Unterseite oder einen konkreten Abschnitt. Viele Start-ups haben etwa Websites, die nur aus einer einzelnen Seite bestehen, durch die man sich durchscrollen muss. Will ich jemanden auf das Team hinter dieser Firma verweisen – eine Information, die oft erst ziemlich am Ende kommt – muss der Empfänger sich erst durch die gesamte Firmenpräsentation scrollen.

  • Die Seiten lassen sich schlecht drucken.

    Jaja, ich weiß – »Internetausdrucker« ist ein Wort, das gerne für die dümmsten der Dummen verwendet wird. In der Praxis liegt das papierlose Büro aber in weiter Ferne und es gibt durchaus gute Gründe, sich Dinge aus dem Internet auszudrucken. Auch ich mache das oft, etwa weil ich bei Auswärtsterminen nicht von mobilen Internetverbindungen und leerlaufenden Akkus abhängig sein will. Es ist schon ziemlich mühsam, wenn man auf einer Website erst einmal zur richtigen Stelle scrollen muss, damit der Inhalt überhaupt geladen wird und dann gedruckt werden kann. Wenn man dann aber auch noch vergisst, den auszudruckenden Bereich festzulegen und der Drucker deshalb 40 unnötige Seiten ausspuckt, kann man wahrscheinlich einem alten Seemann noch neue Flüche beibringen.

Natürlich gibt es für einige dieser Probleme durchaus »Lösungen« – wenn man das denn so nennen will. Lösungen gibt es für vieles.

Ich könnte auch meine Wohnungstür zumauern und stattdessen eine Falltür im Wohnzimmer einbauen, sodass ich über den Keller in die Wohnung kommen kann. Das hätte einen interessanten Freibeuter-Charme, würde aber auch einige Probleme mit sich bringen – etwa längere Wege durch das Haus und die Notwendigkeit einer Leiter.

Auch da gäbe es »Lösungen«: Etwa die Verlegung der Haustür und den Einbau eines Fahrstuhls. Es stellt sich nur die Frage, ob das wirklich Lösungen oder doch nur Krücken sind. Die beste und vielleicht einzig wahre Lösung bestünde darin, den Unfug mit der Falltür von vornherein sein zu lassen, sofern es keinen verdammt guten Grund dafür gibt. Ebenso muss man fragen, ob Infinite Scrolling irgendeinen Nutzen mit sich bringt, der all die Probleme rechtfertigt.

Die 6.000 Jahre alte Innovation

Wenn man aktuelle Trends verteufelt, wird man ja gerne einmal als fortschrittsfeindlich abgestempelt. Dem muss man entgegenhalten, dass zum einen nicht jede Änderung ein Fortschritt ist und zum anderen viele Neuheiten bei genauer Betrachtung gar nicht so neu sind, wie man denkt.

Der englische Begriff »scrollen« enthält womöglich nicht nur zufällig das Wort »scroll«, das im Deutschen »Schriftrolle« bedeutet. Und Infinite Scrolling macht im Prinzip nichts Anderes als Schriftrollen – eine Technik, die laut Wikipedia rund 6.000 Jahre alt ist. Dagegen ist selbst Sisyphos noch ein Säugling.

Jetzt sollten wir uns ernsthaft die Frage stellen: Wenn unendliches Scrollen so viel besser als Blättern durch Seiten ist, warum gibt es dann heute praktisch keine Schriftrollen mehr? Warum sind unsere Schulbücher, Gesetzestexte und Pornohefte nicht auf Schriftrollen untergebracht?

Eine große Pointe an dieser Sache ist ja auch, dass selbst Schriftrollen oft horizontal gelesen wurden und dann in Seiten unterteilt waren. Prinzipbedingt konnte man eine Schriftrolle auch immer dort fortsetzen, wo man aufgehört hatte und an der Größe der beiden Rollen konnte man seine aktuelle Position ablesen. So gesehen ist heutiges Infinite Scrolling sogar noch rückständiger als Schriftrollen.

Verfassung von Athen auf einer Papyrusrolle
»Unendlich nach unten scrollen? Das ist doch keine Klopapierrolle, sondern die Verfassung von Athen«, hat sich wohl Aristoteles gedacht, als er diese Papyrusrolle horizontal mit sauber getrennten Seiten beschriftet hat. (Bildquelle: British Library)

Ein anderes Vergleichsbeispiel sind Tonbänder und Videokassetten. Die meisten Leute waren heilfroh als dieses Zeug von digitalen Medien ersetzt wurde, in denen man nicht mehr vor- und zurückspulen musste, sondern direkt zu bestimmten Stellen springen konnte. Ich wäre ja auch heilfroh, wenn ich nicht mit der U-Bahn fahren müsste, sondern ohne Verzögerung zwischen den Stationen teleportieren könnte. Wie irgendjemand auf die Idee kommen kann, die entgegengesetzte Entwicklung wäre ein Fortschritt, ist mir ein Rätsel.

Es »funktioniert« dort, wo man es nicht braucht.

Oft wird Googles Bildsuche als gutes Beispiel für Infinite Scrolling genannt, obwohl die Scrollmöglichkeiten hier alles Andere als unendlich sind. Schon nach ein paar Bildschirmhöhen zurückgelegten Weges kommt man zu einem Zwischenstopp, bei dem man mit einer Schaltfläche bestätigen muss, dass man mehr Ergebnisse anzeigen möchte. Danach geht es noch einmal ein gutes Stück weiter und dann ist man am Ende. Nicht etwa, weil es keine weiteren Bilder im Web mehr gäbe – es wird einfach nicht mehr angezeigt.

Ende der Google-Bildersuche nach Katzenfotos.
Das Ende der Google-Bildersuche. Und nein: Ich habe ganz bestimmt nicht durch alle Katzenfotos im Internet gescrollt, um hier hin zu kommen.

Ich denke, das ist generell ein springender Punkt bei Infinite Scrolling: Viele Befürworter scrollen so wenig, dass es von »infinite« kaum weiter entfernt sein könnte. Aber ohne »infinite« bleibt von »Infinite Scrolling« praktisch nichts übrig. Da könnte ich ebenso gut das »schnellste Fahrzeug der Welt« bauen, um damit durch die Dreißigerzone zu tuckern.

Oft wird ja auch behauptet, dass Infinite Scrolling besonders gut für Seiten geeignet wäre, auf denen ständig aktuelle Inhalte nachkommen – etwa auf Facebook oder Twitter. Aber wer hat jemals getestet, wie weit man auf Facebook tatsächlich scrollen kann? Der typische Nutzer, der mehrmals pro Stunde zwangsgesteuert nachschaut, was es Neues aus der Welt der Unnötigkeiten gibt, wird nie sehr weit scrollen müssen und der Gelegenheitsnutzer wird auch kaum nachlesen, was seine Freunde vor drei Tagen zum Frühstück hatten. Zusammenfassend würde ich deshalb sagen: Infinite Scrolling »funktioniert« dort, wo man es nicht braucht.

Auf Seiten mit Infinite Scrolling bist Du die Ware.

Vielleicht wird Infinite Scrolling aber auch gerade deshalb auf Plattformen wie Facebook und Co. eingesetzt, weil es zu mehr Interaktion herausfordert. Eigentlich ist der gelegentliche Facebook-Nutzer nicht nur desinteressiert daran, was seine Bekannten vor drei Tagen gegessen haben. Es geht ihm auch am Allerwertesten vorbei, was sie erst gestern zum Abendessen hatten. Aber wenn das Foto schon einmal geladen wurde, schaut man es sich halt doch an und scrollt noch ein Stück weiter hinunter – in der Hoffnung, dass da vielleicht doch noch etwas Sinnvolles kommt.

Ich bin grundsätzlich ein sehr strukturierter Mensch – in manchen Bereichen vielleicht sogar krankhaft strukturiert. Auf Seiten mit Infinite Scrolling habe ich mich tatsächlich schon öfters verloren, weil ich einfach zu keinem Ende gekommen bin. Wohl gefühlt habe ich mich dabei aber nicht. Es war mehr wie ein Marsch durch eine Wüste, in der ständigen Hoffnung, dass hinter der nächsten Düne doch endlich die heißersehnte – oder besser: kühlersehnte – Oase auf mich wartet.

Wenn so ein Benutzererlebnis Dein Ziel als Seitenbetreiber ist: Nur zu, dann könnte Infinite Scrolling etwas für Dich sein! Wenn Du etwa mit Werbeeinblendungen Geld verdienen willst, ist es ja nur vorteilhaft, seine Besucher in Ketten festzuhalten, auf dass sie konsumieren, bis sich die Balken biegen.

Vorsicht solltest Du aber dann walten lassen, wenn Du etwas Anderes als Deine Besucher verkaufen willst. Zu viel Auswahl erhöht nämlich die Entscheidungsschwierigkeit. In diesem Fall sollen Besucher nicht möglichst lange auf der Seite bleiben und scrollen, sondern sofort auf den Kaufen-Button klicken.

Ressourcenschonung durch Infinite Scrolling?

Mitunter wird Infinite Scrolling auch nachgesagt, Ressourcen zu schonen. Schließlich werden Inhalte auf einer längeren Seite nur dann geladen, wenn sie auch tatsächlich betrachtet werden. Wenn jemand keinen Millimeter scrollt, muss man also keine ellenlange Seite mit unzähligen Bildern laden.

Dieser Vorteil ist grundsätzlich auch nicht falsch, aber doch nur die halbe Wahrheit. Infinite Scrolling kommt ohne das Nachladen von Bildern nicht aus – umgekehrt gilt das aber nicht. Wie ich schon geschrieben habe, lädt etwa die Bildsuche bei Google Bilder nach, setzt aber klare Grenzen fernab jeder Unendlichkeit. Nachladen könnte ich grundsätzlich auch die Bilder in diesem Artikel hier – Infinite Scrolling bräuchte ich dafür nicht.

Die optimale Seitenlänge

Vor mehr als 15 Jahren hatte ich in der Schule einen meiner ersten Einblicke in das Thema Webentwicklung. Mein Informatiklehrer hatte dabei gepredigt, bloß keine Seite länger als eine Bildschirmhöhe zu machen. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass das ein gewaltiger Humbug war – immerhin hatte ich als Webdesigner keine Ahnung von Monitor, Auflösung und Schriftgröße meiner Besucher. Was bei mir eine Bildschirmhöhe war, konnte bei jemand anderem das Doppelte sein.

Schulübung: Website des imaginären Sparverein Immergeld.
Informatikübung aus dem Jahr 2001: Bloß nicht mehr als eine Seite füllen. Dass es trotzdem einen Link zum Seitenanfang gibt, wirkt da etwas skurril. Vielleicht habe ich die Aussagen meines Lehrers ja doch nicht mehr ganz korrekt in Erinnerung – oder er war wirklich etwas wirr.

Ich will meinem Lehrer auch gar keine Vorwürfe machen. Er war Physiker und wenige Jahre vor der Pension. Seine Stärken lagen mehr in ganz klassisch technischen Bereichen. In seinem Element war er dann, wenn er uns mit Umrechnungen von Binär- und Hexadezimalzahlen quälen konnte. Aber ich muss doch auch immer wieder an seinen Ratschlag zur Seitenlänge denken.

Mit der heutigen Technik sollte es grundsätzlich möglich sein, immer nur so viel Inhalt darzustellen wie auf einen Bildschirm passt. Es stellt sich bloß die Frage: Würde das irgendjemand wollen? Würdest Du diesen Artikel lesen, wenn er auf etliche Seiten verteilt wäre? Der Witz an der Sache ist: Spontan würde ich selbst ganz klar »Nein« sagen. Wenn ich dann aber an meinen E-Book-Reader denke, auf dem ich Inhalte in genau dieser Form konsumiere, stellt sich mir stattdessen die Frage: »Warum eigentlich nicht?«

Einzelseiten und Infinite Scrolling – das sind zwei Extreme. Aber dazwischen gibt es praktisch unendlich viele Möglichkeiten. Die Frage nach der optimalen Seitenlänge finde ich wahnsinnig spannend. Wovon hängt sie ab? Vom Inhalt? Vom Leser? Vom Medium? Ich gehe davon aus, dass die Zusammenhänge sehr komplex sind. Nur bei einem bin ich mir ziemlich sicher: »Unendlich« ist nie die optimale Länge.

Kommentare

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Bisherige Kommentare

  • Tony T

    Zustimmung!! Mir begegnet das unendliche Scrollen v.a. auf bestimmten Zeitungsseiten, wenn ich zu den Leserkommentaren will - die es auf diesen Seiten merkwürdigerweise nicht zu geben scheint (oder ich hab sie noch nicht gefunden).