Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: »schnellere Pferde«

Dieses Zitat von Henry Ford liest man immer wieder. Es soll üblicherweise aufzeigen, dass man sich nicht mit seinen Kunden oder Nutzern auseinandersetzen muss. Ford als Erfinder des Autos muss es ja schließlich wissen. Richtig? … Falsch!

Pferderennen
So könnte heute der Stoßverkehr aussehen, hätten wir statt Autos schnellere Pferde. (Bildquelle: Softeis)

Die Bedürfnisse seiner Nutzer und Kunden zu ermitteln, ist oft mühsam. Die Vorbereitung, die Analyse … und dann erst dieser grausliche Kontakt zu anderen Menschen! Da erfährt man natürlich gerne, dass dieser Kram in Wahrheit gar nicht notwendig ist und man die Welt auch aus seinem persönlichen Elfenbeinturm heraus verändern kann.

Das beste Beispiel dafür soll Henry Ford sein. Dafür spricht sein Zitat: »Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: ›schnellere Pferde‹.« Nach so einer Analyse hätte er wohl kaum das Auto erfunden, sondern eher als Chemiker an Pferdedoping gearbeitet. An dieser Geschichte gibt es nur zwei kleine Haken: Zum einen hat er gar nicht das Auto erfunden und zum zweiten gibt es keinen Beleg, dass besagtes Zitat von ihm ist.

Macht der Zitate

Eigentlich wollte ich nur herausfinden, in welchem Zusammenhang das Zitat ursprünglich gefallen war. Wenn man damit nicht gerade Nutzerstudien im Allgemeinen schlecht redet, lässt sich nämlich durchaus eine sinnvolle Kritik darin finden – dazu später mehr. Meine Vermutung war eigentlich, dass sein Zitat heute einfach nur missbraucht wird.

Interessanterweise brachte meine Google-Recherche sehr unterschiedliche Ergebnisse je nachdem, ob ich nach dem Zitat in Deutsch oder in Englisch suchte. In Deutsch finde ich fast ausschließlich unkommentierte Zitatsammlungen, in Englisch dagegen fast nur Seiten, die hinterfragen, ob dieses Zitat überhaupt echt ist. Und wie ich jetzt weiß, ist es das offensichtlich nicht.

Porträtfoto von Henry Ford
»Glaubt doch bitte nicht jeden Mumpitz, der mir im Internet in den Mund gelegt wird!« – Henry Ford (Bildquelle: Library of Congress)

Warum die Rechercheergebnisse je nach Sprache so unterschiedlich ausfallen, ist eine faszinierende Frage für sich selbst. Ist es vielleicht der sogenannte deutsche Ordnungswahn? Alles streng sortieren und katalogisieren, während Autoritäten – in dem Fall AUTOritäten – nicht hinterfragt werden? Nein, das wäre natürlich ein rassistisches Klischee.

Ich glaube, dass Benutzerfreundlichkeit – unter den Begriffen Usability und User Experience (UX) – im englischen Sprachraum einfach viel mehr Bedeutung hat, weil man als Techniker zwangsweise Englisch sprechen muss. Und dass Ford Amerikaner war, trägt sicher auch dazu bei, dass man sich in Übersee intensiver mit ihm beschäftigt als in der DACH-Region.

Nichtsdestotrotz ist Autorität natürlich eine Schlüsseleigenschaft von Zitaten. Wenn man in Diskussionen über technische Innovation seine Großtante Elfriede zitiert, wird man wahrscheinlich keinen smarten Blumentopf gewinnen. Da nimmt man schon mal jedes vermeintliche Zitat einer berühmten Person unhinterfragt an – Hauptsache, es passt zur eigenen, schon gefestigten Meinung. Wenn manch Verstorbener wüsste, was ihm so in den Mund gelegt wird, würde er extra von den Toten auferstehen, um diese Worte ins nächste Eck zu spucken und sich den Mund mit Seife auszuwaschen.

Henry Ford, Erfinder des Autos?

Selbst wenn alle Zitate wahr wären, sollte man sich nicht immer von der Autorität dahinter blenden lassen. Vor ein paar Jahren kam mir einmal in einer Diskussion über Vegetarismus folgendes Zitat unter: »Es wird die Zeit kommen, in welcher wir das Essen von Tieren ebenso verurteilen, wie wir heute das Essen von unseresgleichen, die Menschenfresserei, verurteilen.« Zugeschrieben wurde es dem Multitalent Leonardo da Vinci.

Einerseits ist auch dieses Zitat falsch, andererseits ist es mir schon damals recht makaber vorgekommen. Leonardo da Vinci mag ja so einiges beherrscht haben – der Grund, warum er gerade heute so bekannt ist, dürften aber weniger seine kitschigen Kirchenbildchen als vielmehr seine visionären technischen Entwürfe sein. Das sind zu einem guten Teil Militärgeräte wie diverse Geschütze, ein Panzerwagen und ein Streitwagen mit Sicheln, die Gegner auf dem Schlachtfeld zerstückeln sollen. Ein tolles Vorbild für moralische Fragen!

Zwei Streitwagen mit Sicheln zerstückeln ihre Gegner.
Auch Leonardo da Vinci beschäftigte sich mit Mobilität auf Rädern. Sein Sichelwagen bringt Leute nicht nur von A nach B, sondern auch vom Diesseits ins Jenseits. (Bildquelle: Sailko)

Auch Henry Fords vermeintliches Pferde-Zitat hätte ich eigentlich schon viel früher hinterfragen sollen. Immerhin ergibt es nur Sinn, wenn Ford der Erfinder des Automobils wäre. Aber wer waren dann noch schnell die Herren Daimler und Benz?

Auf Wikipedia gibt es einen ausführlichen Artikel über die Geschichte des Automobils. Der ist zwar ein bisschen überausführlich und beginnt mit der Erfindung des Rades um 4.000 vor Christus, aber als Geburtsstunde des modernen Autos wird schließlich das Jahr 1886 angegeben. Henry Ford hatte sein erstes Fahrzeug dagegen erst zehn Jahre später fertiggestellt. Er ist vielmehr dafür bekannt, mit seinen Produktionsmethoden Autos erstmals günstig und damit massentauglich gemacht zu haben.

Grundsätzlich scheint Ford damit eher ein früherer Steve Jobs als ein Leonardo da Vinci gewesen zu sein. Jobs wird ja auch gerne als großer Erfinder gefeiert, obwohl man ihm bei genauer Betrachtung dann doch keine nennenswerten Erfindungen zuschreiben kann. Das einzige Beispiel für eine Apple-Erfindung, das mir einmal jemand nennen konnte, war irgendeine Abdeckung für eine Steckerbuchse am iPhone. Na wenn das mal keinen Ehrenplatz am Erfinder-Olymp rechtfertigt … . Sowohl Jobs als auch Ford waren sicher nicht zu unrecht erfolgreich, aber weniger aufgrund genialer Erfindungen als vielmehr, weil sie gute Geschäftsleute waren.

Schnellere Pferde? Aber gerne!

Die Automobilentwicklung war zu Fords Brancheneinstieg bereits in vollem Gang. Nur drei Jahre nach seinem ersten fertiggestellten Fahrzeug brachen die Geschwindigkeitsrekorde der ersten Autos bereits die Marke von 100 Stundenkilometern. Als Visionär oder auch nur als Realist hätte er seine Produkte also problemlos als »schnellere Pferde« vermarkten können, wenn das tatsächlich der Kundenwunsch gewesen wäre.

Frühes Auto mit raketenähnlichem Rumpf.
La Jamais Contente war das erste Auto, das die Schwelle von 100 km/h knackte – und das schon im Jahr 1899. (Bildquelle: Quasarstrider)

Ganz allgemein ist der Wunsch nach einem schnelleren Pferd ja gar nicht so albern. Wahrscheinlich hätten die Kutschenlenker in prämotorisierten Zeiten auch gerne Pferde gehabt, die keinen eigenen Willen haben und nicht überall ihr Fallobst liegen lassen. Autos hatten viele dieser Pferdeprobleme gelöst, aber natürlich konnte die Lösung niemand konkret benennen, bevor sie erfunden war. Heutige Smartphones erfüllen ja auch vieles, was vor wenigen Jahrzehnten noch Science-Fiction war – und sind trotzdem etwas ganz Anderes als sich die meisten vorgestellt hatten.

Was darf’s denn sein?

Viel wichtiger als die Frage, was sich ein Nutzer wünscht, ist die Frage, was er tatsächlich braucht. »Wenn ich die Leute gefragt hätte, was sie wollen […]« ist in der Tat eine Nutzerstudie, die in der Praxis nur beschränkt sinnvoll ist.

Würde man heute die Menschen fragen, wie sie am liebsten von A nach B kämen, erhielte man wahrscheinlich »teleportieren« als Antwort – und bei detailliertem Nachfragen noch »kostenlos« und »auf den Zentimeter genau zwischen zwei beliebigen Punkten im Multiversum«. Wäre ja auch fantastisch, oder? Sofern man nicht gerade Rick Sanchez heißt, wird man aber nicht weit kommen, wenn man diese Wünsche wortwörtlich umsetzen will.

In der Softwareentwicklung wird einem auch eingebläut, niemals zu fragen, ob eine bestimmte Funktion gewünscht ist. Die Antwort auf eine solche Frage ist nämlich naturgemäß immer »ja«, auch wenn die Funktion danach nie benötigt wird. Man kann schließlich nie wissen, ob man den Mondphasenkalender in der Radio-App nicht doch einmal braucht – etwa zur Abwehr von Werwölfen mit einer Aversion gegen Volksmusik.

Wenn man Nutzerstudien durchführt, um einen Bedarf zu ermitteln, sollte man vor allen Dingen nach dem Warum fragen. Wenn sich etwa jemand teleportieren will, um mit Bekannten von Angesicht zu Angesicht zu plaudern, reicht vielleicht auch eine neue Anwendung aus Bereichen wie Videotelefonie oder Virtual Reality.

Noch wichtiger als das, was Leute sagen, ist aber das, was sie tatsächlich tun. Wenn es nach den Partnerwünschen der meisten Frauen ginge, müssten ungebildete Machos die einsamsten Menschen der Welt sein. Geld würde glücklich machen und niemand würde in ein Schwimmbecken pinkeln. Die Wahrheit sieht in der Regel anders aus.

Ich bin zwar ein paar Semester zu jung, um den Wechsel von Kutschen zu Autos miterlebt zu haben, aber ich gehe mal davon aus, dass man damals nicht ständig im Vollgalopp (analog zu Vollgas) unterwegs war. Da wäre man in schmalen Altstadtgassen und auf schlecht befestigten Wegen vermutlich nicht weit gekommen. Daran hätten auch schnellere Pferde nichts geändert.

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Kommentare

  • Tony T

    Yeah, die Menschen-Mähmaschine... Hab sie einmal in einer Ausstellung in Rom bewundert. Sammelst du auch Zitate?

    • Michael Treml (Seitenbetreiber)

      Antwort an Tony T:

      Ich war recht erstaunt, als ich von diesem Gerät erfahren habe. Ich wusste zwar schon, dass da Vinci solche Dinge wie Panzerwagen und Belagerungsgeräte am Reißbrett erfunden hat, aber seine Menschensense schaut selbst in diesem Kontext noch barbarisch aus. :-P

      Und nein, ich sammle keine Zitate.