Vordefinierte Auswahlfelder und die Geburt von Frau Michael Treml

Wenn in Online-Formularen schon gewisse Optionen vorausgewählt sind, kann das ein Segen sein – aber nur, wenn die Vorauswahl auch sinnvoll ist. Andernfalls kann schon mal eine bärtige Frau dabei herauskommen.

Bärtige Person mit Trimmerfrisur und Geheimratsecken neben einem Formular, in dem »Frau« ausgewählt ist.
Frau Treml in all ihrer Weiblichkeit.

Von den Leuten, die mich in den letzten zehn Jahren kennen gelernt haben, wissen nur die wenigsten, dass ich kurzsichtig bin. Zu verdanken ist diese Unkenntnis einerseits meiner Eitelkeit und andererseits den Herstellern meiner Kontaktlinsen.

Ja, eitel muss ich gewesen sein, denn einfach war das mit den Haftschalen anfangs nicht. Mit den ersten Probelinsen in den Augen wurde mir noch enorm schwindlig – immerhin war ich es seit Jahren nicht mehr gewohnt, über einen Brillenrahmen hinaus mehr als matschige Farbflächen zu sehen. Und die Dinger wieder aus meinen Augen heraus zu bekommen, hatte mich in den ersten Tagen jeweils eine halbe Stunde gekostet. Aber das war es mir wert.

Nach anfänglich guter Beratung war ich mehrere Jahre Stammkunde bei meinem Optiker. Aber nachdem sich alles eingespielt hatte, bestand dieser Kontakt irgendwann nur noch daraus, dass er mir auf Zuruf immer wieder die gleichen Monatslinsen nachbestellt hatte. Und da ich nicht nur eitel, sondern auch knausrig bin, wurde mir schließlich bewusst, dass ich das auch billiger haben kann.

So hatte ich mir 2013 meine üblichen Linsen zum ersten Mal über einen Online-Shop bestellt. Dieses System war ganz schön mitteilungsbedürftig. Gleich vier E-Mails hatte ich am ersten Tag erhalten. »Sehr geehrter Kunde«, hieß es darin immer und anschließend wurde ich dann über meinen Account, mein Passwort, ein Bonussystem und schließlich eine Erinnerungsfunktion informiert.

Zwei Tage später hatten sie dann mein Geld erhalten und die E-Mail-Flut ging weiter, aber überraschenderweise hieß es nun nicht mehr »Sehr geehrter Kunde«, sondern »Sehr geehrte Frau Treml«. Ich strich mir grübelnd mit den Fingern durch meinen Bart und dachte mir nur: Irgendetwas stimmt an dieser Anrede nicht.

E-Mail: »Sehr geehrte Frau Treml, Ihre Bestellung Nr. 451309177 wurde gerade an den Paketdienst weitergegeben. Die Lieferanschrift lautet: Michael Treml, Bernatzikgasse 1/6/4 …«.
Irgendwie passen Anschrift und Anrede nicht zu hundert Prozent zusammen.

Kontaktlinsen sind Frauensache?

Entgegen dem feuchten Traum mancher Gender-Fetischisten habe ich mir daraufhin nicht etwa ein Sommerkleid gekauft und meinen Personenstand ändern lassen, sondern ich habe versucht herauszufinden, wie es zu dieser Fehlangabe kommt. Und ich bin rasch fündig geworden: Das Registrierungsformular war der Übeltäter. »Frau« war hier vorausgewählt und ich hatte es offensichtlich übersehen.

Da stellt sich die Frage: Warum ist so etwas vorgegeben? Vorgabewerte sind dort sinnvoll, wo man ziemlich sicher sein kann, dass diese Vorgabe auch stimmt. Hätte ich mir einen Büstenhalter und Tampons bestellt, könnte ich das ja nachvollziehen, aber seit wann sind Kontaktlinsen Frauensache?

Gelten Kontaktlinsen vielleicht als Mode-Accessoire und werden deshalb klischeehaft eher Frauen als Männern zugeschrieben? Aus Schuhgeschäften bin ich es zumindest schon gewohnt, dass es für mich als Mann nur drei Regale ganz hinten neben der Kinderabteilung gibt – da wäre eine ähnlich stiefmütterliche Behandlung auch in anderen Modebereichen nur konsequent.

Kaufen sich echte Kerle vielleicht lieber eine robuste Hornbrille, statt dieses filigrane Linsenzeugs auf ihren Bauarbeiterwurstfingern zu balancieren? Dann bin ich vielleicht nicht nur eitel und knausrig, sondern in der Tat auch ein bisschen feminin.

Vorausgewählte Geschlechter

Aus Neugierde habe ich nach Registrierungsformularen auf anderen Websites gesucht und festgestellt, dass das Geschlecht in Form der Anrede erstaunlich oft vorgegeben ist. Unter anderem beim Alpenverein und bei der Wohnberatung Wien steht die Auswahl standardmäßig auf »Frau«.

Der zentrale Informatikdienst der Universität Wien umschreibt das Ganze nicht einmal als Anrede, sondern fragt wörtlich nach dem Geschlecht und gibt an erster Stelle vorausgewählt gleich »Weiblich« vor. Hier wirkt das umso skurriler – sind Universitäten doch der Hort von Gendersprech. Allein im Einführungstext dieser Seite kommen innerhalb einer Zeile gleich vier Schrägstriche vor, um jede/n Studierende/n und jede/n Externe/n sauber gegendert anzusprechen, aber im Formular ist dann jede/r standardmäßig weiblich. Mit Männern kann man’s ja machen.

u:account-Registrierungsformular der Universität Wien.
Du bist Studierende/r oder Externe/r, der/die ein Studium aufnimmt? Ausgezeichnet, aber sehr wahrscheinlich bist du weiblich.

Natürlich gibt es solche Vorauswahlen aber auch in die Gegenrichtung. In meiner kurzen Recherche habe ich sogar mehr Fälle gefunden, in denen die Anrede »Herr« vorausgewählt ist als solche, in denen »Frau« der Standard ist. Dazu zählen unter anderem das Auktionshaus Dorotheum, Wett- und Lotto-Seiten sowie die Milka Kuh-munity, die offenbar lieber eine Stier-munity wäre.

Einen klaren Zusammenhang zwischen Seitenthema und Vorauswahl konnte ich nicht finden. Unter anderem sind mir drei Kinos untergekommen – davon war zwei Mal »Frau« und einmal »Mann« vorausgewählt. Gerade auf Seiten zu recht typischen Frauen- und Männer-Domänen, etwa bei BIPA oder Conrad, ist in der Regel kein Geschlecht vorgegeben.

BIPA-Registrierungsformular: Keine Vorauswahl unter »Anrede«.
Die stereotyp pinke Drogeriekette BIPA schlägt die Universität Wien in Sachen Geschlechtsneutralität im Registrierungsformular.

Ich nehme an, dass die Entscheidung darüber, was ausgewählt ist, in erster Linie auf drei Dinge zurückzuführen ist:

  1. Alphabetische Ordnung: Vor allem bei den Fällen, in denen »Frau« ausgewählt ist, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass sich die Vorauswahl einfach nur aus der alphabetischen Sortierung der Optionen ergibt. »Frau« kommt im Alphabet nun mal vor »Mann« und wenn man als Webprogrammierer nicht explizit eine andere Option zum Standard macht, wird die erste angezeigt. Wenn man andererseits zwischen »männlich« und »weiblich« oder zwischen den englischen Anreden »Mr.« und »Ms« unterscheiden soll, steht dagegen der Mann an erster Stelle.
  2. Programmierersicht: Die meisten Personen, die Formulare für das Web programmieren, sind keine Experten für nutzerzentriertes Design. In einem Auswahlfeld mit gerade mal zwei Optionen denken viele wahrscheinlich gar nicht lange über die Sortierung nach, sondern schreiben als erstes einfach das Geschlecht hin, das ihnen am nächsten ist – nämlich ihr eigenes. Deshalb steht dann oft »Herr« vor »Frau«, obwohl es dafür keinen logischen Grund zu geben scheint, und ist damit automatisch vorausgewählt.
  3. Gut gemeinte Optimierung: Wahrscheinlich erst weit nach den anderen beiden Punkten kommt eine bewusst gesetzte Vorauswahl ins Spiel. Ja, die Universität Wien hat 62% weibliche Studierende (Stand Wintersemester 2017/2018), die sich zwei Klicks sparen, wenn »Weiblich« vorausgewählt ist. Aber ist das die potenziellen Fehleingaben wert? Eine Vorauswahl wird aus meiner Sicht erst dann sinnvoll, wenn sie auf ca. 90% aller Nutzer zutrifft. Alles Andere ist bestenfalls gut gemeint, aber nicht gut.

Greise, Babys und andere Irrtümer

Neben dem Geschlecht sind natürlich auch alle anderen Auswahlfelder mit vorgefertigten Optionen für ungünstige Vorgaben prädestiniert. Die Angabe des Geburtsdatums ist ein Beispiel, das mir mehrfach untergekommen ist. So läuft etwa die Milka Kuh-Munity nicht nur in Gefahr, von Stieren überrannt zu werden – es könnten zudem auch sehr greise Tiere sein, weil als Geburtsdatum der 01.01.1920 vorausgewählt ist.

Es ist offensichtlich, dass in diesem Beispiel die frühestmögliche Auswahloption vorgegeben ist. Noch wirrer ist aber das Gegenteil: Auf mytischtennis.de ist automatisch das aktuelle Datum ausgewählt. Frisch geboren und schon registriert … früh übt sich, wer ein Tischtennis-Meister werden will.

In solchen Formularen mit Geburtstagsvorauswahl wird zumindest besonders deutlich, dass hinter Vorgabewerten nicht zwangsläufig eine Verschwörung stecken muss. Sofern man nicht gerade eine Website für Elvis-Reinkarnationen betreibt, die alle meinen, am 8. Jänner geboren worden zu sein, ergibt eine Vorauswahl beim Geburtsdatum kaum Sinn.

Durchaus sinnvoll kann so etwas dagegen bei Ortsangaben sein. Will ich mich etwa im Ticket-Shop der Wiener Linien registrieren, ist es eine durchaus berechtigte Annahme, dass ich aus Österreich bin, und für Nicht-Österreicher sollte diese Vorgabe zumindest nicht ganz unerwartet kommen. (Dass in diesem konkreten Formular die Angabe des Landes als »optional« gekennzeichnet ist, obwohl es gar keine Möglichkeit zur Nichtauswahl gibt, ist wieder ein anderes Thema.)

Generell sollte ich bei Websites unter der TLD .at davon ausgehen können, dass dort alles auf Österreich zentriert ist – schließlich stehen die beiden Buchstaben ja für »Austria«. Dank unseres großen Nachbarn im Norden mit – mehr oder weniger – gleicher Amtssprache ist dem aber nicht immer so. Oft sind Österreich-Seiten nur ein Spiegelbild ihres deutschen Bruders und dann ist etwa bei einer Registrierung auf himmlisch-plaudern.at Deutschland vorausgewählt. Und auch die Milka Kuh-Munity, die ich damit zum dritten Mal als Pointe bringen kann, wird offenbar von bundesdeutschen Altstieren bevölkert.

Gegenüberstellung der Seiten himmlisch-plaudern.de und himmlisch-plaudern.at.
Ob man himmlisch-plaudern.de oder himmlisch-plaudern.at aufruft, macht offenbar nur im Logo einen Unterschied. Die Vorauswahl bleibt immer Deutschland.
Ausschnitt aus Registrierungsformular der Milka Kuh-Munity.
Wer in Milkas Kuh-Munity alles auf den Voreinstellungen belässt, ist ein steinalter, deutscher Stier.

Faul ist der Mensch

Vielleicht bin ich einfach nur ein schlechtes Beispiel, was Achtsamkeit betrifft. Vielleicht gibt es da draußen massenweise Nutzer, die Registrierungsformulare strikt systematisch vom ersten bis zum letzten Feld durchgehen und dabei jede falsche Vorgabe bemerken. Allein mir fehlt der Glaube. Faul ist der Mensch, hilflos und blöd. Da gibt es doch hoffentlich auch ein paar andere, die wie ich über solche Dinge stolpern.

Dass AGB nicht standardmäßig als gelesen und akzeptiert angekreuzt sein dürfen, wird wohl mit ähnlichen menschlichen Unzulänglichkeiten zusammenhängen. Wenn man sich registriert, hat man ja in der Regel auch gar nicht das Ziel, seine Daten zu übermitteln, sondern man will einfach nur möglichst unkompliziert den Service nutzen. Die Registrierung ist da nur ein Hindernis, das man rasch hinter sich bringt und dabei alles Unwesentliche ignoriert. Und etwas, das ohnehin schon automatisch ausgefüllt wurde, kann nur unwesentlich sein – sonst müsste die Seite ja gezielter danach fragen.

Nach meiner Kontaktlinsenbestellung 2013 hatte ich mich schon damit abgefunden, für diesen Händler ab jetzt eine Frau zu sein – immerhin hatte ich nirgends eine Möglichkeit zur Korrektur entdeckt und mein Name macht Mitarbeitern im Onlineshop nicht unbedingt offensichtlich, wo der Fehler liegt. »Frau Michael Treml« – da könnte ich mich auch bei »Michaela« vertippt haben. Und seit »Star Trek: Discovery« wäre nicht einmal mehr ein Vertippen nötig.

Bei meiner nächsten Bestellung hatte sich das dann aber doch irgendwie gelöst. Ich weiß nicht mehr, ob ich meine Daten da noch einmal neu eingeben musste oder ob ich die Geschlechtsumwandlung in der Datenbank automatisch bekommen hatte, aber ab da wurde ich jedenfalls mit »Herr Treml« angesprochen. Ist letztendlich wohl besser so, auch wenn Österreich sich als Heimat für bärtige Frauen durchaus bewährt hat.

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