Müssen Websites heute noch ohne JavaScript funktionieren?

Das Web entwickelt sich weiter und eröffnet neue Möglichkeiten, aber gleichzeitig wird immer mehr technischer Aufwand betrieben, um die primitivsten Aufgaben zu lösen.

Die Buchstaben »WWW«, zusammengesetzt aus Programmcode.
In diesem Bild besteht das WWW (World Wide Web) ausschließlich aus JavaScript. Leider sieht es in den Köpfen mancher Webentwickler genauso aus.

»Keep it simple and stupid«, kurz KISS, ist ein bekannter Leitsatz, um Probleme aller Art zu lösen. Im Deutschen entspricht das sinngemäß grob dem Spruch: Man soll Dinge nicht komplizierter machen, als sie sind.

Unabhängig von der Sprache hat dieser Grundsatz leider einen Haken: Die Realität ist oft zu komplex für einfache Antworten. Nimmt man sich etwa vor, dieses Gebot auf eine Website anzuwenden, muss man sich die Frage stellen: Was genau will man einfach halten? Das grafische Design? Die zugrundeliegende Technik? Oder den eigenen Arbeitsaufwand?

Leider entscheiden sich die meisten für den kurzfristig minimalen Arbeitsaufwand. In der Folge werden die modernsten Werkzeuge benutzt, um die primitivsten Probleme zu lösen. Heraus kommen dabei Websites, die inhaltlich nicht mehr bieten als in den Neunzigern, aber ein zigfaches an Ressourcen fressen und nicht mehr ohne JavaScript-Programmen auskommen, die am Gerät des Besuchers laufen.

Natürlich ist die Hardware beim Endnutzer heute auch potenter als damals und kann mit so etwas deshalb besser umgehen. Aber ist das schon Grund genug, um dass KISS-Prinzip bei der Technik gleich komplett über Bord zu werfen?

JavaScript beim Seitenbesucher

Darüber, dass die heutige Durchschnitts-Website überladen ist, auch wenn sie minimalistisch aussieht, habe ich mir schon vor geraumer Zeit das Maul zerrissen. Diesmal konzentriere ich mich stattdessen auf ein ganz konkretes Detail, nämlich clientseitiges JavaScript. Klingt technisch, ist es auch. Deshalb erkläre ich kurz, was ich damit meine.

Wenn man eine Website aufruft, ist das klassischerweise ein recht geradliniger Prozess. Das Gerät, das man zum Surfen benutzt – etwa ein Smartphone oder ein PC –, sendet eine Anfrage ins Internet, dass man gerne eine bestimmte Seite sehen würde. Diese Anfrage kommt über Umwege bei einem anderen Rechner im Internet an und dieser sogenannte Server sendet anschließend die angefragte Seite retour.

1. Bild: Laptop an Server: »Hey Server, sende mir bitte [xxx] zu!«, der Server antwortet mit »Bitteschön!« und retourniert ein Dokument mit dem Titel »XXX (Definitely not porn).« 2. Bild: Laptop an Server: »Hey Server, sende mir bitte [xxy] zu!«, der Server antwortet mit »Bitteschön!« und retourniert ein Dokument mit dem Titel »XXY (Still no porn).«
So einfach funktioniert eine klassische Website.

Eine Einschränkung dieses Systems ist, dass die so gelieferten Seiten grundsätzlich statisch sind. »Statisch« bedeutet aber keineswegs, dass die Seiten genauso unbeweglich und unveränderlich sind wie Text in einem Buch. Man kann Videos und Audio einbinden oder auch Kommentarbereiche, Diskussionsforen und ähnliches umsetzen – ganz ohne JavaScript.

Ein Beispiel ist der Kommentarbereich unter diesem Artikel. Wenn man dort schreibt, dass ich lauter Schwachsinn von mir gebe, und das Formular dann abschickt, wird wieder eine Nachricht an den Server gesendet, in der diesmal aber auch der geschriebene Text enthalten ist. Der Server speichert diesen hochqualitativen und absolut gerechtfertigten Kommentar, aktualisiert die Seite und sendet diese wieder an den Besucher retour. Bei diesem Besucher wird die Seite neu geladen und zeigt nun die neueste Version an, die auch seinen Kommentar enthält.

Der Schwachpunkt liegt nun darin, dass die gesamte Seite neu geladen werden muss, obwohl der Besucher wahrscheinlich nur drei Zeilen zu meinem überausführlichen Geschreibsel hinzugefügt hat. Das ist gemeint, wenn man sagt, dass eine Seite statisch ist. Hat der Besucher ein Dokument aus dem Web erhalten, kann der Inhalt dieses Dokumentes nicht ohne Neuladen verändert werden.

Hier kommt clientseitiges JavaScript ins Spiel. In diesem Fall schickt einem der Server nicht nur ein statisches Dokument zu, sondern sendet auch einen Programmcode mit, der am Gerät des Besuchers ausgeführt wird. Dieses Programm kann das Dokument beliebig verändern, ohne dass es neu geladen werden muss. Ein neu geschriebener Kommentar könnte dann nach dem Absenden direkt auf der bestehenden Seite erscheinen.

1. Bild: Laptop an Server: »Hey Server, sende mir bitte [xxx] zu!«, der Server antwortet mit »Bitteschön!« und retourniert ein Dokument mit dem Titel »XXX« sowie eine JavaScript-Datei. 2. Bild: Laptop: »Hey JavaScript, zeige mir bitte [xxy] an!«, JavaScript daraufhin: »Kenne ich ›y‹ schon?«. Falls y noch nicht bekannt: Nachricht an Server: »Ich brauche ›y‹!«, falls y schon bekannt: JavaScript ändert bestehendes Dokument »XXX« zu »XXY«.
Funktionsweise einer typischen JavaScript-Website. Was JavaScript in der Praxis wirklich macht, kommt aber ganz auf den Entwickler an. Im Prinzip könnte der Server auch gleich bei der ersten Anfrage alle erdenklichen Informationen »unsichtbar« mitsenden, damit JavaScript keine weiteren Serveranfragen stellen muss (bei Webseiten eher unüblich), oder JavaScript tritt ganz im Gegenteil gar nicht sichtbar in Erscheinung, sondern sendet nur heimlich Benutzerdaten an den Server (leider alles Andere als unüblich).

Der Haken an JavaScript

Inhalte interaktiv ändern zu können klingt in der Theorie wahrscheinlich nicht schlecht … und ist es auch nicht. Allerdings wird das »Können« immer mehr zum »Müssen«. Job-Ausschreibungen für Webentwickler fragen nach den neuesten JavaScript-Trends als wären diese gleichbedeutend mit Webentwicklung, während die wahren Grundlagen wie HTML, CSS und Barrierefreiheit kaum nachgefragt werden. Dabei zeigt die Praxis, dass es gerade an diesen Grundlagen überall gewaltig hapert.

Selbst die wichtigsten Richtlinien für Barrierefreiheit im Web, die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG), die früher noch forderten, dass Websites auch ohne JavaScript funktionieren müssen, sind mittlerweile davon abgekommen. Diese Entscheidung ändert allerdings nichts daran, dass JavaScript in der Regel auch heute noch mehr Probleme verursacht als es löst – und das nicht nur in Sachen Barrierefreiheit.

Website oder Web-App?

Eine Frage, die in der Diskussion um JavaScript leider viel zu selten gestellt wird, ist jene, was man denn überhaupt produziert. Handelt es sich bei dem, was man mit Webtechnologien zusammenbastelt, um eine klassische Website oder um eine interaktive Web-App?

Moderne Web-Technologien ermöglichen Anwendungen wie Videospiele, Tabellenkalkulation und Grafiksoftware direkt im Browser. Kaum jemand, der bei klarem Verstand ist, würde fordern, dass so etwas ohne JavaScript funktionieren muss.

3D-Ansicht der Stadt Wien mit eingeblendeten Informationen zur Stadt an sich, Geschäften etc.
Google Maps im 3D-Modus ist definitiv eine App, für die andere Regeln gelten als für Tante Elfriedes Wellness-Blog.

Aber der springende Punkt ist: Die absolute Mehrheit aller Webprojekte sind keine solchen Apps, sondern stinknormale Info-Angebote, die genauso gut auf Papier gedruckt sein könnten. Die typische Firmenwebsite, die aus vier Seiten hohler Marketing-Phrasen besteht und alle zwei Jahre einmal aktualisiert wird, ist keine Web-App, sondern eine statische Seite, die statischer kaum sein könnte.

Auch WIESOSO ist trotz der Kommentarfunktion nur eine klassische Website. Mehr als 99 Prozent meiner Besucher kommen ohnehin nur zum Lesen vorbei und von den restlichen stören sich wahrscheinlich auch die wenigsten daran, dass beim Kommentieren die Seite neu lädt. (Sollte ich mit dieser Vermutung falsch liegen, ist das jetzt zumindest ein Grund, um mir einen bösen Dreizeiler wie im Beispiel weiter oben zu schreiben.)

Falls ich irgendwann einmal die Zeit dazu finde, würde ich die Kommentarfunktion zwar gerne mit JavaScript etwas verfeinern, allerdings würde ich mich dabei an die urzeitliche Webdesign-Regel halten, dass JavaScript nur ein Komfort-Bonus ist und die Seite auch ohne diesen Schnickschnack funktionieren muss.

Screenshot von Twitter mit dem Text: »JavaScript is not available. We’ve detected that JavaScript is disabled in this browser. Please enable JavaScript or switch to a supported browser to continue using twitter.com. You can see a list of supported browsers in our Help Center.«
Twitter ist nicht gerade dafür bekannt, viel zu können, aber ohne JavaScript kann es nicht einmal das. Bei Twitter kann man noch argumentieren, dass die schiere Größe und die damit verbundene Frequenz neuer Nachrichten spezielle Anforderungen mit sich bringen, aber wie viele Websites spielen in dieser Liga?

Aber wer surft denn noch ohne JavaScript?

Wer im Gegensatz zu mir meint, dass eine Website nicht ohne JavaScript funktionieren muss, argumentiert ganz gerne damit, dass heutzutage doch ohnehin jeder Browser JavaScript unterstützt und fast niemand es deaktiviert. Ein Artikel auf heise.de liefert dazu etwa Zahlen, die suggerieren, dass schon seit 2013 nur noch etwa 0,2 Prozent der Webnutzer ohne JavaScript unterwegs sind.

Dieser genannte Artikel ist zwar denkbar einseitig, man kann ihm aber zugute halten, dass er die Verlässlichkeit der angegebenen Zahlen selbst ein wenig in Frage stellt und die Quellen verlinkt. In einer dieser Quellen aus dem Jahr 2016 kann man nachlesen, dass ermittelte Zahlen stark schwanken. Für das Wikipedia-Portal beträgt dieser Wert etwa rund 7 Prozent – oder anders ausgedrückt: Dort würde man rund jeden 14. Besucher vor den Kopf stoßen, wenn man JavaScript voraussetzt. Das ist schon eine andere Hausnummer.

Die Frage, wer überhaupt ohne JavaScript surft, wird auch zunehmend zum Henne-Ei-Problem. Als kleine Analogie: Wenn man ein Restaurant betreibt, das nur über eine lange, enge Wendeltreppe erreichbar ist, könnte man leicht argumentieren, dass Rollstuhlfahrer kein Problem damit haben – schließlich sei ja noch nie einer da gewesen, um sich zu beschweren. Analog dazu werden auch Websites, die nur mit JavaScript funktionieren, so gut wie keine Besucher ohne JavaScript bekommen.

Eigentlich gäbe es gute Gründe, ohne JavaScript zu surfen. Die meiste Werbung würde automatisch wegfallen, Seiten könnten schneller laden, unnötiges Gezappel sowie die Gefahr, sich einen Virus einzufangen, wären reduziert, … aber wenn gleichzeitig ein guter Teil aller Websites ihre Inhalte nicht mehr anzeigen, ist man quasi dazu gezwungen, mit JavaScript zu surfen.

Erhöhte Ausfallwahrscheinlichkeit

Die Frage, wer heutzutage noch bewusst ohne JavaScript surft, ist in Wahrheit auch nur ein Nebenschauplatz. Durch die Erhöhung von Komplexität schafft man nämlich auch Unmengen an neuen Ausfallmöglichkeiten, zum Beispiel:

  • Gestörte Internetverbindung

    Manchmal wird mir bei Suchen im Web an oberster Stelle ein Ergebnis angezeigt, das vielversprechend aussieht, aber zurzeit nur schwer erreichbar ist. Dann wird mir nach langer Wartezeit oft nur das absolute Grundgerüst der Seite angezeigt – schwarz auf weiß, ohne Bilder und ohne JavaScript. Eine gute, klassische Seite wäre dann immer noch einwandfrei benutzbar, aber leider kann ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine solche gesehen habe.

  • Softwarefehler

    JavaScript ist nichts Anderes als ein Programmcode – und weil Programmierer nicht fehlerfrei sind, enthält auch dieser Code naturgemäß Fehler. Selbst auf namhaften Plattformen wie Facebook kommt es bei mir regelmäßig vor, dass die gesamte Seite von einem Moment zum anderen nicht mehr funktioniert, weil das Programm versagt.

  • Vielfalt auf Benutzerseite

    Zu dem Problem, dass der Code an sich Fehler beinhalten kann, kommt noch hinzu, dass er auf jedem erdenklichen System fehlerfrei laufen muss – schließlich wird er ja bei jedem einzelnen Seitenbesucher auf dessen Gerät ausgeführt. Ist das ein Smartphone, ein PC oder ein Tablet? Windows, Linux, MacOS? Google Chrome, Firefox, Safari?

    Insbesondere stellt sich auch die Frage, welche Plugins man in seinem Browser installiert hat. Werbeblocker, um nur ein Beispiel zu nennen, können als Kollateralschaden durchaus das eine oder andere JavaScript-Programm außer Gefecht setzen – schließlich wird JavaScript traditionell vor allem für Werbung ge- und missbraucht.

  • Updates

    Als wäre die Vielfalt auf Benutzerseite bezüglich grober Systemunterschiede noch nicht genug, kommt zu jedem einzelnen Systemdetail auch noch die Frage hinzu: In welcher Version? Schon JavaScript selbst wird laufend weiterentwickelt, aber nicht jeder Browser unterstützt sofort die neueste Version. Selbst wenn tatsächlich 99,8 Prozent aller Internetnutzer JavaScript grundsätzlich aktiviert haben, heißt das noch lange nicht, dass irgendein bestimmter Code bei all diesen Personen wie gewünscht funktioniert.

    Tabelle mit 17 Spalten für verschiedene Browser und fünf Zeilen für Versionsnummern. Die Zellen sind in drei unterschiedlichen Farben eingefärbt (grün, gelb und rot).
    Übersicht der Unterstützung von ECMAScript 2015 (JavaScript-Standard) in unterschiedlichen Browserversionen. Selbst die Bestwertung (grün) in dieser Aufstellung ist keine Garantie dafür, dass ausnahmslos alles wie gedacht funktioniert, denn sie wird schon ab 95 Prozent Übereinstimmung vergeben. (Bildquelle: Screenshot von caniuse.com)

    Und es kommt noch besser: Die meisten Webentwickler schreiben heutzutage gar kein pures JavaScript mehr, sondern verwenden stattdessen am besten gleich eine ganze Reihe vorgefertigter Programmbibliotheken, die ihrerseits auch wieder regelmäßig Updates bekommen. Die Komplexität kennt also kaum noch Grenzen und wenn irgendwo etwas zu alt oder zu neu ist, bricht im schlimmsten Fall das ganze Kartenhaus in sich zusammen.

    Mit automatischen Updates an der »falschen« Stelle ist es durchaus möglich, dass die Anzahl ausgesperrter Seitenbesucher von heute auf morgen statt theoretischer 0,2 Prozent faktische 20 Prozent ausmacht.

  • Archivierte Seiten

    Selbst wenn es jemand schaffen sollte, diese ganze Komplexität zu verwalten, stets alles auf dem neuesten Stand zu halten und trotzdem Benutzer mit leicht veralteter Ausstattung nicht sofort vor den Kopf zu stoßen, bleibt am Ende des Tages die Frage: Kann man die Seite noch archivieren?

    Ich habe auf meiner Festplatte ein paar Seiten liegen, die ich vor mehr als 15 Jahren über die Speicher-Funktion meines Browsers gesichert habe und die sich immer noch problemlos lesen lassen. Ähnlich, aber im »ein bisschen« größeren Umfang archiviert die Internet Archive Wayback Machine seit vielen Jahren Internetseiten und ermöglicht damit einen Blick in längst vergangene Zeiten. Mit zunehmender Komplexität funktioniert so etwas immer schlechter.

    Screenshot mit dem Text »Ja, ich möchte Inhalte von Instagram angezeigt bekommen« gefolgt von dem Button »Jetzt einblenden«.
    Ein aktueller Artikel auf GMX beinhaltet ein ausführliches Instagram-Posting – aber nur, solange technisch alles glatt geht. Speichert man die Seite ab, kann das per JavaScript eingebundene Posting nicht mehr geladen werden. Ein Klick auf »Jetzt einblenden« ändert auch nichts daran. Die archivierte Seite ist vom ersten Tag an eine Ruine.

    Das Traurigste daran ist, dass andere Alternativen zum Archivieren genauso mit Füßen getreten werden. Man könnte Seiten ja auch über die Druck-Funktion in eine PDF-Datei umwandeln, aber nur die wenigsten Websites bewahren dabei eine gute Form. Damit bleibt letztendlich nur die Möglichkeit, einen Screenshot zu machen, wodurch Text aber unpraktischerweise zu einem Bild wird – und nicht selten wird dieser Text dann auch noch von Cookiebannern oder anderem Schabernack (oft auf JavaScript-Basis) verdeckt, denn wenn man schon eine schrottige Website produziert, dann wenigstens konsequent.

Standardfunktionen »in schlecht« nachbauen

Maßvoll eingesetztes JavaScript – sofern es denn wie gewünscht funktioniert – kann das Benutzererlebnis durchaus bereichern. Aber gerade dann, wenn man keine komplexe Web-App, sondern eine herkömmliche Website erstellt, ist meistens das Gegenteil der Fall.

Weil JavaScript für reine Info-Seiten nicht notwendig ist, werden damit gerne Basisfunktionen in vermeintlich besserer Form nachprogrammiert. Allerdings haben die Täter hinter solchen Machenschaften diese Funktionen in der Regel gar nicht richtig verstanden. Sie sind sich deshalb auch gar nicht bewusst, dass Standardfunktionen facettenreicher sind, als man auf den ersten Blick sieht. Die JavaScript-Variante wird dadurch bloß zu einem billigen Abklatsch, der mit unnötiger Effekthascherei über seine fast schon kriminellen Unzulänglichkeiten hinwegtäuscht.

Beispiele für (vorerst) zerstörte Basisfunktionen:

  • Zurück-Taste im Browser

    Die Funktion, um die zuvor aufgerufene Seite nochmals anzuzeigen, erfasst nur neu geladene Dokumente. Wird eine Website stattdessen per JavaScript aktualisiert, bringt einen die Zurück-Taste nicht mehr dorthin zurück, wo man zuletzt war.

  • Pfade teilen oder speichern

    Wenn man auf einer klassischen Website diverse Unterseiten aufruft, kann man den Pfad auf das jeweilige Dokument speichern oder teilen. Wenn diesen Pfad später jemand aufruft, wird wieder das gleiche Dokument mit dem gleichen Inhalt vom Server angefordert.

    Tauscht man stattdessen die Inhalte der Website mit JavaScript aus, funktioniert das nicht. Man kann zwar trotzdem den Pfad teilen oder speichern, allerdings merkt sich dieser die aufgerufene Unterseite nicht und ruft deshalb immer nur die Startseite auf.

  • Link-Optionen

    Klickt man auf einer klassischen Website einen Link mit der rechten Maustaste an, hat man vielfältige Optionen – unter anderem, um das verlinkte Dokument in einem neuen Tab zu öffnen, es auf der Festplatte zu speichern oder zu den Favoriten hinzuzufügen.

    Führen Links JavaScript aus statt auf ein anderes Dokument zu verweisen, funktionieren all diese Optionen nicht.

  • Fehlerseiten

    Kann auf einer klassischen Website etwas nicht geladen werden, erhält man automatisch eine mehr oder weniger aussagekräftige Fehlermeldung, zum Beispiel, dass die spezifische Seite nicht gefunden wurde (»404«), dass man keine Zugriffsberechtigung hat oder dass der Server generell nicht erreichbar ist.

    Werden Inhalte stattdessen per JavaScript nachgeladen und dieses Kunststück misslingt aus irgendeinem Grund, passiert je nach konkreter Situation entweder gar nichts mehr, es werden überall nur noch griffige Kurztexte wie »null« und »undefined« angezeigt oder man kann sich bis zum Ende aller Tage eine lustige Lade-Animation anschauen.

Zugegeben gibt es für all diese Probleme Workarounds, aber um diese anzuwenden, muss man sich erst einmal sämtlicher Schwächen bewusst werden. Wer sich dessen bewusst ist und klar denken kann, sollte sich aber zuallererst die Frage stellen, ob es sich wirklich auszahlt, für eine JavaScript-Spielerei das Web neu zu erfinden … und dabei auch noch unnötig aufzublasen.

Mit JavaScript Ressourcen sparen?

Jetzt lamentiere ich hier darüber, wie JavaScript alles unnötig aufbläst, aber interessanterweise ist mir im Web auch schon die gegenteilige Sichtweise untergekommen: JavaScript würde Ressourcen sparen.

Die Argumentation ist leicht nachvollziehbar: Ein Link auf einer klassischen Website lädt die gesamte Seite inklusive Menü und sonstigem Drumherum neu. Wenn man stattdessen nur den wesentlichen Inhalt austauscht, müssen vom Server weniger Daten übertragen werden. So weit, so gut. Nun stellt sich bloß die Frage: Zahlt sich diese Ersparnis in der Praxis aus?

Nehmen wir meine eigene Seite als ganz konkretes Beispiel: Der gesamte HTML-Code meines letzten Artikels hat einen Speicherbedarf von rund 22 Kilobyte. Davon werden etwa fünf Kilobyte für das unveränderliche Grundgerüst benötigt, könnten also beim Aufruf weiterer Artikel eingespart werden.

Die erstbeste Anleitung, die ich im Web finde, um Inhalte per JavaScript nachzuladen, baut auf einer populären Programmbibliothek namens jQuery auf. Diese muss zusätzlich auf der Website eingebunden werden und beansprucht rund 93 Kilobyte.

Damit die Einsparung von fünf Kilobyte pro Klick nun größer ist als dieser Zusatzaufwand, müsste ein Besucher meiner Website mehr als 18 Artikel lesen. Das entspricht grob 90 Seiten Text im A4-Format. Und das ist noch eine optimistische Milchmädchenrechnung, denn durch das Einbinden von jQuery allein passiert noch gar nichts. Das eigentliche Programm – mitsamt aller nötigen Workarounds – müsste danach erst noch geschrieben werden.

Screenshot von 90 A4-Seiten Text.
Etwa so viele A4-Seiten an Inhalt müsste man auf meiner Website lesen, damit der Mehraufwand einer grundlegenden JavaScript-Bibliothek kompensiert wird.

In dieser konkreten Form wäre das Thema »Ressourcen sparen durch JavaScript« also ein Fall für die Gebrüder Grimm. Man kann sicher darüber diskutieren, ob es sinnvollere Anwendungsfälle gibt, aber in den meisten Fällen kann JavaScript wohl nur solche Internetseiten retten, die davor schon in jeder Hinsicht virtuelle Umweltsäue waren.

JavaScript ist unnötig … außer für die Wirtschaft

Zusammenfassend kann ich sagen, dass der exzessive Einsatz von JavaScript auf klassischen Webseiten – also Daumen mal Pi auf rund 99,9 Prozent aller Webangebote – mehr Probleme verursacht als löst. Eine Info-Seite, die ohne JavaScript keine Infos anzeigt, ist wie ein Wasserkocher, der ohne Internetanbindung kein Wasser kocht.

Ein Teil dieses Problems könnte darin liegen, dass Webdesigner und Webentwickler schon immer vorwiegend Quereinsteiger waren, die die Grundlagen des Web nicht verstanden hatten. So kommt es schließlich dazu, dass Programmierer Webseiten »programmieren« – auch dann, wenn es eigentlich nichts zu programmieren gäbe.

Der Wirtschaft wird das nur recht sein, denn wer will schon eine einfache, statische Website verkaufen, die wartungsfrei für die nächsten 20 Jahre online bleiben kann? Daran verdient doch niemand etwas! Also lieber die komplexesten und neuesten JavaScript-Frameworks und -Libraries einsetzen, um den Kunden für teures Geld eine »hochprofessionelle State-of-the-Art-Lösung« anzudrehen, die morgen schon wieder Schnee von gestern ist.

Zusätzlich – und das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt von allen – wird so ziemlich jede Art von Werbung im Web über JavaScript eingebunden. Große Websites enthalten oft dutzende Scripts zur Monetarisierung ihrer Inhalte. Wenn diese Seiten ohne JavaScript nicht mehr funktionieren, hat das nichts mit technischer Notwendigkeit oder tollen, modernen Features für die Besucher zu tun, sondern einzig und allein mit dem Wunsch, die eigene Geldbörse zu füllen.

Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Kommentare

Es sind noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden. Traue Dich und schreibe als erster Deine Meinung!