Lubuntu: ein minimalistisches Betriebssystem mit 63 Bildschirmschonern

Die Linux-Distribution Lubuntu soll ein System sein, das sich auf das Wesentliche konzentriert. Datensicherungen sind offenbar nicht wesentlich – Spezialeffekte und Bildschirmschoner aber schon.

Lubuntu-Desktop mit einem offenem Fenster (Datei-Explorer) und geöffnetem Startmenü.
So sieht ein frisch installiertes Lubuntu in Version 22.04 aus.

Am Desktop gilt Windows für manch einen als das Betriebssystem schlechthin, schließlich sind Apple-Produkte nur etwas für Leute mit zu viel Geld und Linux ist ein Spielzeug für pickelige Computer-Nerds. Meine jugendliche Akne hatte ich bei meiner ersten Konfrontation mit Linux zwar schon hinter mir, aber zumindest den Computer-Nerd kann ich nicht ganz abstreiten, war ich doch gerade am Beginn meines Informatik-Studiums. Nichtsdestotrotz war ich als Medieninformatiker nie ein reiner Hardcore-Techniker und hätte mich deshalb nie mit Linux anfreunden können, wäre es tatsächlich das Frickelsystem, als das es gerne dargestellt wird.

Der springende Punkt ist: Es gibt nicht das eine Linux-Betriebssystem. Linux ist zunächst einmal nur ein Kern (englisch Kernel), der als Basis für ganz verschiedene Linux-Betriebssysteme, üblicherweise Distributionen genannt, dient. Während es durchaus Nerd-Distributionen gibt, in denen man sich als Laie vorkommt wie in einer chinesischen Vorlesung über Quantenphysik, gibt es auch benutzerfreundliche, die Windows-Veteranen einen relativ leichten Umstieg ermöglichen. Der Platzhirsch in diesem Bereich nennt sich Ubuntu und hat schon vor einigen Jahren auch bei mir daheim Windows als Hauptsystem abgelöst.

Ganz glücklich war ich mit Ubuntu trotzdem nie, weil es sich genauso wie sein Microsoft-Gegenstück schon seit einiger Zeit von Touch-Oberflächen inspirieren lässt, die mehr auf dicke Wurstfinger als auf präzise Mauszeiger ausgelegt sind.

Aber zum Glück gibt es Abhilfe: andere Linux-Distributionen, die auf Ubuntu aufbauen, aber insbesondere bei der Oberfläche einiges anders machen. Eine davon ist Lubuntu, ein System, das laut offizieller Website schnell und leicht sein und die essentiellen Apps für den täglichen Gebrauch mitliefern soll. So ein No-Bullshit-Konzept klingt ganz nach meinem spießigen Geschmack und auch die Benutzeroberfläche war auf den ersten Blick mit ihrem ganz klassischen Konzept gut für mich als Mausschubser geeignet.

Wenn man genauer hinsieht, enthält allerdings auch dieses System so manchen Schnickschnack, während es gleichzeitig auf andere Dinge verzichtet, die für den täglichen Gebrauch nützlicher wären.

Kein Spielzeug

Der Umfang der mitgelieferten Software bleibt grundsätzlich durchaus dem Konzept des Minimalismus treu, oder um es bodenständiger auszudrücken: Es gibt nicht viel davon. Außer typischem Bürozeugs wie LibreOffice, Taschenrechner und Web-Browser gibt es im Startmenü nicht viel zu entdecken.

In der Kategorie »Unterhaltungsmedien« findet man nur den VLC Media Player, damit man Audio- und Videodateien abspielen kann, sowie die Lautstärkeregelung. Und nein: Das bedeutet nicht, dass sich die Entwickler beim Herumschieben von Lautstärkereglern gut unterhalten fühlen. Es ist bloß das Menü schlecht übersetzt. Im englischen Original heißt es nämlich »Sound & Video« – von Unterhaltung ist dort nicht die Rede.

Allerdings gibt es auch eine Kategorie »Spiele« – und die ist korrekt übersetzt. Versöhnlicherweise gibt es dort aber nur einen einzigen Eintrag mit dem knackigen Titel »2048-Qt«. Dabei handelt es sich um ein Spiel, das im wahrsten Sinne des Wortes für Zahlenschubser gemacht ist.

Spielfäche mit einem Raster von vier mal vier Feldern, in denen unterschiedliche Zahlen stehen.
Zahlenfelder herumschieben, damit Werte addiert werden: Lubuntus einziges mitgeliefertes Spiel hat den Charme einer Kalkulationstabelle.

Keine Datensicherung

Statt eines mitgelieferten Spieles hätte mich mitgelieferte Software für regelmäßige Datensicherungen mehr entzückt. Diese suche ich in Lubuntu vergeblich, obwohl sie in der Mutterdistribution Ubuntu zum Standard-Lieferumfang gehört.

Klar kann man sie nachinstallieren, aber für ein System, das essentielle Alltagssoftware beinhalten will, ist das eine enorme Lücke … es sei denn, man definiert »essentiell« lediglich als das, was 99 Prozent der Anwender regelmäßig aktiv nutzen, und nicht als das, was sie wirklich brauchen. So betrachtet wäre ein Airbag im Auto auch nicht essentiell. Fährt, lenkt, bremst – das reicht.

Keine Barrierefreiheit

Schlimmer als die fehlende Datensicherung ist die Tatsache, dass auch keine Werkzeuge für Barrierefreiheit mitgeliefert werden. Denn wenn man auf die angewiesen ist, kommt man ohne fremde Hilfe gar nicht erst so weit, sie nachinstallieren zu können.

Zugutehalten kann man dem System zumindest, dass einige Farben und Größen in den Einstellungen recht flexibel angepasst werden können, aber ich glaube, ich hatte noch kein anderes Betriebssystem in der Hand, das nicht zumindest eine Bildschirmlupe mitbringt.

Nutzer mit auch nur leicht unterdurchschnittlich ausgeprägter Feinmotorik werden mit Lubuntu auch keine Freude haben, denn wenn man ein Fenster auf eine Wunschgröße zurecht ziehen will, muss man fast pixelgenau den Fensterrahmen anklicken. Ich hatte mir zwar ein System für präzise Mauszeiger statt Wurstfinger gewünscht, aber dermaßen übertreiben hätte man es an dieser Stelle auch nicht müssen.

Und wenn wir schon beim Thema Fenster sind: die Titelleisten lassen auch ein wenig zu wünschen übrig. Ist ein Fenster gerade nicht aktiv, werden die Symbole zum Minimieren, Maximieren und Wiederherstellen in Schwarz dargestellt – auf dunkelgrauem Untergrund.

Aktives Fenster mit hellen Symbolen vor inaktivem Fenster mit dunklen Symbolen auf dunklem Hintergrund. (Kleiner Scherz: Das aktive Fenster hat den Titel »Arbeitszeug«, das Fenster im Hintergrund den Titel »Schweinkram«.)
Auf dem ältesten meiner drei Monitore sind die dunklen Symbole so gut wie unsichtbar. Schnell mal ein Fenster zu schließen, wird durch Schwarz auf Grau zum Schuss ins Blaue.

Mir ist nicht klar, ob das bloß ein technischer Fehler ist oder der Designer das als cool betrachtet. Zugänglich und effizient ist es in jedem Fall nicht, wenn die Oberfläche einen im Dunkeln tappen lässt. Der einzige Trost ist, dass man das Titelleisten-Design in den Einstellungen ändern kann.

Effekte: cool aber nutzlos

Definitiv wegen der Coolness wurden zwei Fenstereffekte in das System eingebunden, nämlich Schatten und Transparenz. Weil solche Effekte aber relativ viele Ressourcen fressen, was Lubuntus Sparsamkeitsprinzip in aller Offensichtlichkeit widerspricht, muss man sie erst bewusst einschalten.

Der Schatteneffekt hätte mich durchaus gereizt, schließlich kann man mit einem dezenten Schatten etwas Tiefe simulieren und so das aktive Fenster deutlicher hervorheben. Aber da hat mir Lubuntu die lange Nase gezeigt: Alle Fenster, egal ob aktiv oder inaktiv, bekommen den gleichen Schatten.

Mehrere Fenster mit Schattenwurf. Im Vordergrund die Spezialeffekt-Einstellungen.
Schatten heben etwas optisch hervor, aber weil das aktive Fenster standardmäßig einen hellblauen Rahmen hat, wirkt der Schatten ausgerechnet hier schwächer als bei den inaktiven Fenstern.

Die Transparenzeffekte sind eine besonders ausgefuchste Falle. Bei meinem ersten Herumprobieren mit den Spezialeffekten konnte ich erst keine Auswirkungen beobachten und hatte deshalb die Regler auf Extremwerte verstellt. Erst später fand ich heraus, dass man die Spezialeffekte in einem komplett anderen Menü erst aktivieren muss, und als ich das tat, war das System plötzlich unbenutzbar, weil alle Fenster komplett unsichtbar waren.

Mehrere überlappende, halbtransparente Fenster.
Die Parameter kennen kein Limit. Wer gerne leidet oder nicht weiß, was er tut, kann die Fenster auch komplett unsichtbar machen.

Wie sich diese Transparenz-Funktion ausgerechnet in so ein Betriebssystem verirrt hat, ist mir ein Rätsel. Um einen praktischen Nutzen dafür zu finden, muss ich schon sehr kreativ denken, und wer nur wegen der Coolness auf solche optischen Spielereien abfährt, wird sich kaum so ein Langweiler-System installieren.

Bildschirmschoner im 21. Jahrhundert

Eine weitere kleine Irritation tauchte vollautomatisch nach einer Wartezeit von ein paar Minuten auf: Das System kommt nämlich mit standardmäßig eingerichtetem Bildschirmschoner daher. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich so etwas zum letzten Mal in Aktion gesehen hatte – die heute übliche Praxis besteht aus gutem Grund darin, dass der Bildschirm einfach schwarz wird.

Aber wenn man das ändern will, kommt gleich die nächste Überraschung, denn im entsprechenden Einstellungsdialog sieht man, dass das System nicht nur zwei oder drei animierte Bildschirmschoner mitliefert, sondern sage und schreibe 63 Stück, darunter Klassiker wie rotierende Texte und fliegende Toaster.

Bildschirmschoner-Auswahl. Ausgewählt ist »Maze3D«.
Ach, da kommen Erinnerungen hoch!

Ich hatte mich ja bewusst für ein System entschieden, dessen Startmenü und Taskleiste ein wenig an Windows 98 erinnern, aber auf diese Art von Retro-Charme hätte ich dann doch ganz gerne zugunsten von Datensicherung und Barrierefreiheit verzichtet.

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