Konsistenz: Wo Windows 95 besser war als Windows 10

Einfach und intuitiv sollte eine ideale Benutzeroberfläche sein. Aber bei Microsofts Betriebssystem ist diese Einfachheit im Lauf der Jahre immer weiter verloren gegangen.

Startbilder von Windows 95 und Windows 10 nebeneinander. Windows 95: Buntes, geschwungenes Windows-Logo mit Schriftzug vor Wolkenhintergrund. Windows 10: Blaues, minimalistisches Logo auf schwarzem Hintergrund.
Der erste Eindruck zählt bekanntlich. Insofern täuscht Windows 10 mit seinem brutal reduzierten Startbildschirm darüber hinweg, dass die Benutzeroberfläche im Vergleich zu Windows 95 eine kunterbunte Ansammlung verschiedener Konzepte ist.

Microsoft Windows hat bereits einen langen Entwicklungsweg hinter sich, auf dem sich vieles verbessert hat. Vorbei sind etwa die Zeiten, in denen der sogenannte »Bluescreen of Death« zum Alltag gehörte und Leute mir ernsthaft die Empfehlung gaben, meinen PC mindestens einmal im Jahr neu aufzusetzen, damit er reibungsfrei läuft.

Aber weder bin ich Experte für die Stabilität von Betriebssystemen, noch wäre das ein passender Artikel für WIESOSO. Also mache ich lieber das, was ich besser kann und zerpflücke im nachfolgenden Text die Benutzeroberfläche – denn dort hat sich definitiv nicht alles zum Positiven verändert.

WIMP: Ein Konzept nicht nur für Schwachmaten

Was man auf Computern mit Maus und Tastatur üblicherweise vorgesetzt bekommt, nennt sich WIMP. Das ist eine Abkürzung für die Elemente, die so eine Oberfläche ausmachen:

  • W steht für Windows – nicht etwa für das gleichnamige Betriebssystem, sondern für das generelle Konzept von Fenstern (englisch Windows), also diese Dinger mit verschiedenen Inhalten, die man auf seinem Bildschirm herumschieben kann. Dass man bei Microsoft gleich das ganze System danach benannt hat, deutet darauf hin, dass man diesen Fenstern irgendwann einmal eine zentrale Rolle zugeschrieben hat … und auch darauf, dass die ursprünglichen Windows-Entwickler nicht besonders einfallsreich waren.
  • I steht für Icons, zu deutsch: Symbole. Das sind all die Bildchen, die irgendetwas veranschaulichen und schneller wiedererkennbar machen sollen. Beispiele sind etwa das Lautsprecher-Symbol für die Lautstärke oder das Papierkorb-Symbol für den – wer hätte das gedacht – Papierkorb.
  • M steht für Menüs. Das sind Listen von verfügbaren Aktionen, zum Beispiel das Start-Menü oder das Rechtsklick-Menü.
  • P steht für Pointer, zu deutsch: Zeiger, also das Ding, das man mit der Maus herumbewegt, um auf andere Dinge zu zeigen und sie anzuklicken.

»Wimp« ist im Englischen außerdem ein Ausdruck, der sich mit Schwachmat, Feigling oder Warmduscher übersetzen lässt. Ob das in der Frühzeit der grafischen Benutzeroberflächen eine absichtliche Namensgleichheit war, um Leute ins Lächerliche zu ziehen, die so eine »Klickibunti«-Lösung brauchen, ist – soweit ich weiß – nicht übermittelt. Falls es nur ein unglücklicher Zufall war, sollten die Verantwortlichen aber gemeinsam mit den Windows-Leuten den »Klub der schlechten Namensgeber« gründen – oder konsequenterweise besser den »Schlechtnamengeberklub«.

Im Endeffekt war WIMP keineswegs eine Lösung für Schwachmaten, sondern für Leute, die einen Computer intuitiv benutzen wollten statt erst dutzende Textkonsolen-Befehle auswendig lernen zu müssen. Erst durch diese Zugänglichkeit konnte Computertechnik fast alle Büro-Arbeitsplätze erschließen.

Das Problem ist, dass diese intuitive Einfachheit seitdem mehr und mehr verloren geht. In Windows 95 war fast alles aus einer Handvoll Grundkomponenten zusammengesetzt, die immer identisch aussahen und identisch funktionierten. Aber dann wurde nach und nach für jeden einzelnen Anwendungsfall eine Sonderlösung konstruiert, sodass man heute ein frankensteinsches Monster aus zusammengeflickten Einzelteilen vor sich hat.

Keine Konsistenz mehr bei Fenstern

Obwohl Microsofts Betriebssystem nach den Fenstern – wohlgemerkt in der Mehrzahl – benannt ist, scheint die Darstellung mehrerer frei bewegbarer Fenster schon lange keine Priorität mehr zu haben. Am schönsten lässt sich das illustrieren, wenn man die Titelleisten in Windows 95 und Windows 10 vergleicht.

Screenshot von fünf gestapelten Fenstern mit Software, die von Windows mitgeliefert wird (Explorer, Papierkorb, Einstellungen, Editor und Rechner) – einmal in Windows 95 und einmal in Windows 10.
Über Schönheit lässt sich vortrefflich streiten, über Einheitlichkeit aber nicht.

Bis auf wenige Ausnahmen war der Aufbau der Titelleiste in Windows 95 immer gleich: Links ein Symbol (Icon), gefolgt vom Fensternamen; Rechts drei Schaltflächen zum Minimieren, Maximieren und Schließen. Die Leiste des aktiven Fensters war blau, alle anderen grau.

Öffnet man in Windows 10 genau die gleichen Fenster, sieht jedes einzelne davon anders aus. Manche haben ein Symbol, manche nicht. Manche haben neben diesem Fenster-Symbol noch weitere Icons für diverse Befehle, andere nicht.

Die Farben vermitteln auch keine zuverlässige Information mehr. Die meisten Titelleisten sind weiß, aber etwa bei der mitgelieferten Taschenrechner-App ist sie grau. Manche Fenster packen Zusatzinformationen in weiteren Farben wie lila oder rot in die Titelleiste.

Dass ein Fenster gerade nicht aktiv ist, wird nur noch sehr subtil vermittelt, unter anderem, indem der Fenstertitel in grauer statt schwarzer Schrift dargestellt wird. Aber selbst das hat man verbockt: Im Fenster für die Systemeinstellungen bleibt der Titel auch dann schwarz, wenn das Fenster nicht aktiv ist.

Titelleisten zur freien Verwendung

Teilweise wird die Titelleiste missbraucht, um dort in Pastellfarben auf Menüeinträge hinzuweisen, die nur unter bestimmten Umständen angezeigt werden. Markiert man etwa im Explorer eine Datei, die man als Programm ausführen kann, erscheint im Hauptmenü der zusätzliche Punkt »Anwendungstools« und dieser wird oberhalb in der Titelleiste noch einmal zusätzlich mit dem in zartem Lila unterlegtem Begriff »Verwalten« hervorgehoben.

Markiere ich stattdessen eine Verknüpfung auf eine Anwendung, werden sogar gleich zwei zusätzliche Punkte ins Menü aufgenommen: »Anwendungstools« und »Verknüpfungstools«. Beide davon rauben wertvollen Platz in der Titelleiste, denn dort steht jetzt zwei Mal nebeneinander in zwei unterschiedlichen Farben der komplett sinnlose Vermerk »Verwalten«.

3 Screenshots von einem Explorer-Fenster. Im ersten ist keine Datei markiert, im zweiten eine .exe und im dritten eine Verknüpfung. Mit jedem Screenshot erscheint in der Titelleiste ein zusätzlicher Eintrag mit dem Text »Verwalten«.
Vorbei die Zeiten, in denen der Fenstertitel zuverlässig links ausgerichtet war. Es ist viel wichtiger, über »Verwalten Verwalten« informiert zu werden.

Traditionell war dieser Platz eigentlich dazu da, um den Fensternamen anzuzeigen. Weil dieser Pastell-Unsinn jetzt im Weg ist, wird der Name je nachdem, wo mehr Platz frei ist, entweder links oder rechts davon angezeigt. Damit ist es im Endeffekt von der Fenstergröße und von markierten Dateien abhängig, wo man heute den Fensternamen findet.

Grundsätzlich wäre es ja nicht dämlich, auf Menüpunkte hinzuweisen, die in den meisten Fällen gar nicht vorhanden sind und daher leicht übersehen werden können. Es ist mir aber ein Rätsel, warum man nicht einfach den entsprechenden Menüpunkt selbst hervorhebt. Das ist so, als würde man mit einem Textmarker auf Papier nicht den relevanten Text markieren, sondern eine Markierung in der Zeile darüber machen.

Noch schräger wird das Ganze, wenn man sich die komplexeren Microsoft-Programme ansieht, die nicht mit Windows mitgeliefert werden, sondern zusätzlich gekauft werden müssen. Ich denke da insbesondere an Excel, mit dem ich oft arbeite. Hier ist die Titelleiste vollgeräumt wie eine Messie-Wohnung.

Titelleiste von Microsoft Excel.
Der Platz in der Titelleiste ist knapp, also muss man Prioritäten setzen – zum Beispiel auf die nicht-verfügbare Rückgängig-Funktion oder auf die überlebenswichtige Information, dass das aktuelle Dokument gespeichert (»Ges…«) ist.

Dem Dateinamen, der eigentlich einmal der Kerninhalt dieser Leiste war, bleibt in einem kleineren Fenster gerade einmal Platz für die ersten vier Zeichen. Im Gegenzug wird mir aber in voll ausgeschriebener Länge gezeigt, dass ich »Automatisches Speichern« aktivieren oder deaktivieren kann.

Der Name, auf den meine Lizenz läuft, Michael Treml, wird auch mit reichlich Platzbedarf angezeigt – als würde ich meinen eigenen Namen schneller vergessen als den der Datei, die ich gerade bearbeite. Und wer glaubt, dass er die Maus nur kurz über den abgeschnittenen Dateinamen zu halten braucht und dann in einem Tooltip den vollen Namen geliefert bekommt, ist ebenso schief gewickelt. Je nachdem, ob man seine letzten Änderungen gespeichert hat, erscheint entweder gar kein Tooltip, oder aber einer, in dem ausschließlich das Wort »Gespeichert« steht.

Erst wenn man den abgeschnittenen Dateinamen anklickt, öffnet sich ein Menü, in dem man den vollen Namen (oder bei langen Namen zumindest deutlich mehr) sieht. Dass dieses Menü eigentlich den Zweck hat, die Datei auf Microsofts Cloud-Service hochzuladen, ist eine andere Geschichte – denn diese Funktion hätte vermutlich niemand mit gesundem Menschenverstand hier erwartet.

Screenshot von Dialogfeld aus der Excel-Titelleiste zum Upload der Datei auf OneDrive.
Du willst Dein Dokument auf OneDrive hochladen? Kein Problem: Klicke einfach auf den Dateinamen in der Titelleiste! Das ist doch wohl so intuitiv, dass es sich von selbst erklärt.

Allein die Tatsache, dass ein Klick auf den Dateinamen überhaupt eine Aktion auslöst, ist schon bemerkenswert. Denn damit gibt es in der Titelleiste eines kleinen Excel-Fensters bis auf wenige, schwer zu findende Pixel nichts mehr, was man anklicken kann, ohne damit eine Aktion auszulösen.

Nur zur Erinnerung: Die Titelleiste war ursprünglich einmal dazu gedacht, das Fenster dort mit der Maus anzuklicken und per Drag-and-Drop zu verschieben. Ich selbst nutze auch gerne einen Doppelklick auf die Titelleiste um ein Fenster zu maximieren oder wieder zu verkleinern. An welchen Stellen in der Leiste solche Basisfunktionen heute noch funktionieren, ist zum Rätselraten verkommen. Über manchen Bereichen funktioniert es, über manchen löst es die darunterliegende Funktion aus und über manchen passiert einfach gar nichts.

Ein Bild sagt tausend Worte

Kommen wir zum zweiten Buchstaben im Akronym WIMP: den Icons. Davon gibt es in Windows heute wesentlich mehr als damals – und das ist grundsätzlich einmal gut, weil es den Wiedererkennungswert von bestimmten Optionen steigert und in manchen Situationen auch die Funktion etwas klarer macht. Will man etwa zwischen verschiedenen Ordner-Ansichten wechseln, sind Begriffe wie »kleine Symbole«, »Liste« und »Details« wesentlich leichter verständlich, wenn ein kleines Bildchen auch gleich veranschaulicht, was das bedeutet.

Leider hat sich aber auch die Anzahl der Bilder erhöht, die ohne erklärenden Text ganz für sich allein stehen. Das ist deshalb schlecht, weil nur die wenigsten Symbole allgemeinverständlich sind.

In der Ordneransicht habe ich jetzt etwa links oben ein Bildchen mit einem abgeknickten Blatt, auf dem ein roter Haken abgebildet ist. Ein so simples Bild – und trotzdem muss man schon über die Bedeutung grübeln. Ein Haken steht üblicherweise für eine Bestätigung, rote Farbe dagegen für eine Ablehnung. Also warum ist der Haken rot? Zettel mit roten Haken kenne ich nur von schriftlichen Tests aus dem Gymnasium – da hatten die Lehrer im Gegensatz zur Volksschule (Grundschule) keine Lust mehr, glitzernde Sternchen aufzukleben oder fröhliche Smileys zu zeichnen … ach ja, da kommen Erinnerungen hoch, denn so ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

An dieser konkreten Stelle reicht mir aber eigentlich das eine Wort »Eigenschaften«, das mir erst angezeigt wird, wenn ich den Mauszeiger kurz über das Icon halte. Dass das Bild dafür steht, hätte ich nie erraten.

Insbesondere die Startleiste wurde sehr konsequent in eine reine Bilderstrecke umgewandelt. Der Start-Button selbst hat schon seit Windows Vista nicht mehr das Wort »Start« bei sich stehen – was insofern schade ist, weil man jetzt nicht mehr über das Paradoxon lachen kann, dass man zum Beenden von Windows auf »Start« klicken muss. Nach Vista ist es dann noch witzloser geworden, indem auch die restlichen Bildchen der Startleiste ihre Beitexte verloren haben.

Im Zuge dessen wurde offenbar komplett vergessen, dass die Startleiste auch zum Rest der Benutzeroberfläche passen sollte. In Windows 95 waren die Einträge in der Startleiste noch identisch mit der Darstellung in der Titelleiste des jeweiligen Fensters. Zu jedem laufenden Programm wurden das Icon und der Name angezeigt. In Windows 10 passt dagegen kaum noch etwas zusammen.

Gleicher Screenshot von fünf Fenster-Titelleisten wie weiter oben, aber diesmal werden ergänzend dazu auch die Einträge aus der Startleiste gezeigt.
Das Zeug in der Startleiste mit dem Zeug in den Titelleisten abzugleichen war schon einmal einfacher.

Die Taschenrechner-App wird in der Startleiste mit einem Icon angezeigt, das sich in der Titelleiste nicht wiederfindet – im Gegenzug wird der dort angezeigte Fenstername »Rechner« in der Startleiste nicht angezeigt. Der Papierkorb wird in der Startleiste mit dem ebenfalls offenen Explorer-Fenster unter dem Explorer-Symbol zusammengefasst, obwohl die Titelleiste ein eigenes Papierkorb-Symbol hat. Und der Texteditor hat offenbar nur aus Jux und Tollerei zwei (leicht) unterschiedliche Icons.

Jedem Windows-Entwickler sein eigenes Menü

Kommen wir zum dritten Buchstaben im Akronym WIMP: den Menüs. Dazu muss ich gar nicht mehr viel schreiben, weil sich die Tragödie in gewohnter Manier fortsetzt. Was in Windows 95 noch ziemlich einheitlich war – egal ob im Startmenü, im Rechtsklickmenü oder in einem spezifischen Programm-Menü – ist heute ein abenteuerliches Sammelsurium aus unterschiedlichen Konzepten.

Diverse Menüs in Windows 95 und Windows 10. In Windows 10 ist ein Menüband horizontal ausgerichtet, während andere Menüs vertikal ausgerichtet sind. Das Startmenü hat einen dunklen Hintergrund, während alle anderen einen hellen haben. Ein Menü hat Trennlinien, ein anderes stattdessen Zwischenüberschriften und so weiter und so fort.
Die Menüs sind nicht nur länger geworden, sie haben auch Charakter entwickelt – jedes seinen eigenen. (Und das ist schon ein beschönigtes Bild, weil ich in jeder Windows-Installation sofort die Kacheln deaktiviere, die standardmäßig im Startmenü noch zusätzlich angezeigt werden.)

Den sogenannten Ribbons (Menübändern), die Microsoft ursprünglich mit Office eingeführt hat, möchte ich mich irgendwann in einem separaten Artikel widmen.

Zeigst du noch oder tatscht und quatscht du schon?

Zum Schluss bleibt noch das P aus WIMP: der Pointer oder Zeiger. An dem Pfeil, den man mit der Maus über den Bildschirm schiebt, hat sich grundsätzlich nicht viel geändert. Allerdings wird immer wieder versucht, die Maus als Ganzes durch etwas vermeintlich Besseres zu ersetzen.

Vor allem in Windows 8 hatte man versucht, die Oberfläche besser auf Geräte mit Touchscreen abzustimmen. Das Ergebnis war ein bildschirmfüllendes Startmenü mit großen Kacheln, die sich auch mit groben Wurstfingern gut treffen lassen.

Glücklicherweise war das ein gewaltiger Rohrkrepierer und Microsoft ist bald darauf wieder zurückgerudert. Wer es jedem recht machen will, macht es am Ende nämlich niemanden recht. Ich habe mir keinen Stand-PC mit drei Monitoren und einem hochpräzisen Zeigewerkzeug zugelegt, um auf einer plumpen Tablet-Oberfläche herumzuwursteln. Das ist so, als würde man versuchen, ein Kalligrafie-Set für die Benutzung mit Fingerfarben zu optimieren.

Weil man der Computermaus ihren Sieg offenbar trotzdem nicht gönnen will, hat man danach verstärkt auf die Sprachsteuerung Cortana gesetzt. Solche Sprachassistenten habe ich schon an anderer Stelle kritisiert, aber solange sie im Gegensatz zur Touchscreen-Optimierung nur ein paralleles Audio-Interface sind und die Benutzung mit der Maus nicht beeinflussen, sehe ich darin kein Problem.

Keep it simple and stupid

Zusammenfassend muss ich die alte Weisheit wiederkäuen, dass Benutzeroberflächen besser sind, wenn sie simpel gehalten werden. Ich kann nur empfehlen, sich Windows 95 heutzutage live im direkten Vergleich zu Windows 10 anzusehen. Über archive.org ist das im Browser möglich.

Schon nach wenigen Minuten hat man das Gefühl, alles gesehen und verstanden zu haben, was dieses System hergibt – denn egal, wo man hinkommt: Alles setzt sich aus den gleichen, wenigen Grundkomponenten zusammen, die immer auf die gleiche Art zu benutzen sind. Anschließend sollte man sich fragen: Welche Funktionalitäten würden mir heute fehlen? Und inwiefern hat die Veränderung der Oberfläche seit damals irgendetwas dazu beigetragen, diese Probleme zu lösen?

Dass oberflächlich alles komplizierter geworden ist, liegt nicht daran, dass das eine Notwendigkeit wegen fortschreitender technischer Möglichkeiten gewesen wäre. Was Anpassungsmöglichkeiten betrifft, kann Windows 10 teilweise sogar weniger als Windows 95.

So wurde etwa im Jahr 2020 eine Option eingeführt, um in einen Dark-Mode umschalten zu können, in dem Fenster mit dunkler Hintergrundfarbe und hellem Text dargestellt werden. Die Einführung dieser Funktion klingt geradezu absurd, wenn man bedenkt, dass man 25 Jahre vorher schon die Farben von allen Standard-Elementen ganz nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen konfigurieren konnte.

Anzeigeeinstellungen in Windows 95.
In Windows 95 hatte man alle Freiheiten, die Oberfläche – auch vorbei an allen Regeln des guten Geschmacks – an seine persönlichen Vorlieben zupassen.

Das scheint mir heute in vielen digitalen Design-Fragen der größte Denkfehler überhaupt zu sein: Statt in erster Linie Inhalte in einfach strukturierten Datenformaten auszugeben und dem Benutzer zu überlassen, in welcher Form er sie dargestellt haben will, kocht jeder seine eigene Suppe und stellt den Benutzer vor vollendete Tatsachen. Und weil jeder im Gegensatz zu allen anderen weiß, was das Beste ist, schaut letztendlich kein Fenster mehr wie ein anderes aus.

Kommentare

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Bisherige Kommentare

  • Tony T

    Vielen Dank für den Text! Das ist wirklich kompletter Irrsinn, was hier teilweise verbaut wird. Ich glaube, es geht nur darum, Dinge zu ändern, damit man das Gefühl hat, auf ein neueres OS wechseln zu müssen, weil man sonst ev. was verpasst ... Dabei wird kaum was verändert, sondern einfach nur umgestellt oder verkompliziert. Besonders heftig finde ich es, wenn man plötzlich mehr als zwei Klicks/Mausbewegungen braucht, um den PC auszuschalten, oder wenn man ein Menü nicht mehr per Klick, sondern nur mehr per Mausbewegung anzeigen lassen kann. Oder wenn selbstverständliche Dinge, die immer "da" waren, plötzlich mühsam gesucht werden müssen, bei mir letztens z.B. der Button für den Ruhezustand und der Aufnahmezeitpunkt meiner Fotos. Oder oder oder ...
    Von all dem Windows-Wahnsinn abgesehen: Würdest du deinen Computer heutzutage nicht mehr neu aufsetzen?

    • Michael Treml (Seitenbetreiber)

      Antwort an Tony T:

      Ich setze meinen PC schon alle paar Jahre einmal neu auf – aber nur, wenn sich der Bedarf aus einer spontanen oder langfristigen Notwendigkeit heraus ergibt.

      Meinen derzeitigen Rechner habe ich ein Mal neu aufgesetzt, weil das vorinstallierte System (angepasste Ubuntu-Version des Herstellers) nach einem Update nicht mehr hochgefahren ist. Seitdem habe ich ein Standard-Ubuntu am Laufen, aber weil mir jetzt langsam der Festplattenspeicher ausgeht, werde ich voraussichtlich im Herbst die Hardware aufrüsten und dabei gleich ein komplett neues System auf die neuen Platten/SSDs spielen.

      Voraussichtlich wird es dann auch eine andere Version als das Standard-Ubuntu, denn das macht bei der Oberfläche einiges sogar noch schlechter als Windows. Ein Beispiel: Fenster haben nicht einmal einen Ein-Pixel-Rahmen, sondern verlassen sich allein auf ihren Schatten. Wenn man da mehrere dunkle Fenster (z.B. Bilder mit schwarzem Hintergrund) gestapelt hat, sieht man nicht mehr, wo eines aufhört und das nächste anfängt.