Gewürzgläser und die Tücken mit den Deckeln

Ein bisschen Plastik, ein paar Löcher … und schon hat ein Gewürzglas seinen Deckel abbekommen. Das ist wahrlich keine Raketenwissenschaft, aber selbst so simple Dinger sind nur selten perfekt.

Einweggewürzgläser sowie Salz- und Pfefferstreuer.
Familienfoto aus der Gewürzlade

Die heiße Eierspeise vor mir, Salz und Pfeffer fein gemahlen in billigsten Streuern daneben. Erst ordentlich Salz darüber. Ja, noch ein bisschen mehr – ich habe es gerne so richtig eingepökelt! Jetzt noch etwas Pfeffer … HATSCHI! Tja, der feine Pfefferstaub zwischen Gesicht und kräftig dampfender Eierspeise landet wohl nicht nur dort, wo er eigentlich hin soll.

Nach mehrmaliger Wiederholung dieser Szene hatte ich mir vor vielen Jahren schicke Gewürzmühlen für Pfeffer und Salz gekauft. Nur grob geschrotet musste der Pfeffer sich schließlich doch der Schwerkraft beugen.

Schick waren diese Dinger wirklich. Sie waren so schnörkellos modern, dass sie gar nicht als Gewürzmühlen erkennbar waren. Sie sahen vielmehr aus wie Gläser mit hohen Deckeln. Aber hätte man intuitiv diesen ganzen Deckel vom Glas geschraubt, hätte man damit auch gleich die Mühle entfernt und sich dann nur noch ganze Pfefferkörner ins Essen streuen können. Das wäre in Sachen Gravitation zwar mit Abstand am effektivsten gewesen, war aber doch nicht ganz in meinem Sinn.

Weiter oben auf diesem Pseudo-Deckel war ein richtiger Deckel, den man erst einmal als solchen erkennen musste. Diesen richtigen Deckel entfernt und das Glas umgedreht, konnte man schließlich mit den üblichen Drehbewegungen mahlen.

Letztendlich waren diese Gewürzmühlen in all ihrer modernen Schickheit aber wohl doch nur als Zierobjekte gedacht. Vielleicht hatte mir auch nur jemand schwarzen Feinkies als Pfeffer verkauft und meine feinjustierte Gourmetzunge hatte es nicht bemerkt – jedenfalls war das Mahlwerk meiner vermeintlichen Pfeffermühle nach einigen Wochen komplett verbogen.

Die Nachfolger waren und sind noch immer zwei ganz klassische Mühlen – ohne Schick, ohne Deckel und mit der Mühle auf der Unterseite. In der Folge habe ich jetzt ständig Salz- und Pfefferreste dort, wo diese zwei Dinger stehen. Vernünftig durchdacht waren also weder meine alten noch meine neuen Gewürzmühlen.

Zwei Sätze Salz- und Pfeffermühlen.
Zwei Generationen meiner Gewürzmühlen. Die rechten sehen zwar altmodischer aus und hinterlassen mangels Deckel an der Unterseite überall ihre Innereien, aber dafür erfüllen die Mühlwerke auch nach Jahren noch ihren Zweck.

Andere Gewürze als Salz und Pfeffer bekommen bei mir gar nicht erst den Luxus besonderer Behälter, sondern bleiben in ihren Einweg-Streuern. Dort gibt es für gewöhnlich zwar keine Mühen mit Mühlen, aber immer noch Tücken mit Deckeln.

Nicht alles will gestreut werden.

Salz und Pfeffer sind etwas, das man oft am Esstisch stehen hat, um nachzuwürzen. So kam mir schließlich auch der Pfeffer zwischen Nase und Teller. Bei anderen Gewürzen ist das eher unüblich – man will sich ja kein Gewürzregal auf den Esstisch stellen. Trotzdem sind die meisten Einwegbehälter als Streuer umgesetzt – manchmal auch ohne Alternative. Mein Paprikapulver-Glas etwa hat einen einfachen Deckel mit Löchern, genauso wie ein Salzstreuer. Das ist vielleicht für Instagram-Köche ganz nett, die ihren fertig beklecksten Teller vor dem Fotografieren mit ein bisschen rotem Pulver garnieren wollen, für meine üblichen Rezepte, die esslöffelweise nach dem Zeug verlangen, ist das aber ungeeignet. Da würde beim Schütteln und Streuen mehr auf dem Küchenboden als auf dem Löffel landen.

Zum Glück lässt sich der Paprikadeckel mit seinen unnötigen Löchern leicht abschrauben – wobei »abschrauben« das falsche Wort ist. Die Designer des Behälters waren nämlich besonders originell, indem sie das Glas nicht kreisrund, sondern oval gemacht haben. Sobald man den Plastikdeckel etwas dreht, springt er förmlich vom Glas und ich bin jedes Mal heilfroh, dass er nur ab- und nicht zerspringt – sonst wäre es das letzte Mal gewesen, dass ich den Deckel abgenommen hätte.

Ovales Gewürzglas mit Löchern für Paprikapulver.
Die ovale Form macht nicht wirklich offensichtlich, dass man den Deckel abschrauben kann, um löffelweise an den Inhalt zu kommen.

Russisches Küchenroulette.

Mein Paprikaglas ist zumindest derzeit die Ausnahme. Die meisten meiner Gewürze kommen in einem Glas mit Doppeldeckel daher. Öffnet man auf der einen Seite, hat man dort ein paar Löcher zum Streuen. Öffnet man die andere Hälfte, hat man dort einfach nur ein großes Loch, um eine kochrezepttaugliche Menge zu entnehmen. Mit diesem Loch muss man sich aber auch zufrieden geben, denn in den meisten Fällen lässt sich bei diesen Gläsern der Deckel nicht abschrauben, sondern nur endlos im Kreis drehen.

Der sinnlos verdrehbare Deckel macht es außerdem umso kniffliger, gleich beim ersten Versuch die gewünschte Öffnung zu finden. Es ist nämlich nirgends angeschrieben, wo man die kleinen Löcher findet und wo das große. Das nennt sich russisches Roulette für Köche: Deckel drehen, eine Seite blind öffnen und das Glas drei Mal umgedreht über dem Kochtopf schütteln. Ist der Eintopf dann überwürzt, hat man verloren.

Geiz ist geil.

Diese Doppeldeckel sind eine tolle Sache – vor allem für den Produzenten. Der muss sich so nämlich keine Gedanken darüber machen, was später in seine Gewürzgläser kommt. Er lässt einfach alles vom selben Fließband laufen. Currypulver, Kümmel, Hexenkräuter, Zehennägel … irgendeine der beiden Öffnungen wird schon zum Inhalt passen.

Wenn der Kunde das nicht durchschaut, muss er eben umso länger schütteln, bis mehr als fünf Kümmelkörner aus dem Glas gekommen sind. Dass die Löcher im Plastikdeckel auch noch zu einem guten Teil vom darunter liegenden Glas blockiert werden, sorgt noch einmal verstärkt für Bizepsaufbau oder Sparsamkeit. Das ist ein wertvoller Beitrag zum Wohlergehen der Gesellschaft.

Löcher im Deckel: Fünf von acht Löchern werden durch den darunter liegenden Glasrand auf ihre Hälfte reduziert.
Die für Kümmel ohnehin schon extrem kleinen Löcher werden durch den Glasrand darunter noch einmal um die Hälfte enger.

Auf die Spitze treibt es der Hersteller, der für mein Fenchel-Glas verantwortlich ist. Das hat auf einer Seite des Doppeldeckels Löcher, die so klein sind, dass praktisch nichts vom Inhalt durch passt. Und auf der anderen Seite des Deckels findet man nicht etwa eine vernünftige Öffnung, sondern noch kleinere Löcher.

Doppeldeckel auf einem Fenchelglas. Links kleinere, rechts größere Löcher.
Qual der Wahl: Benutzt man die zu kleinen oder die noch kleineren Löcher?

Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass sich um die kleinen Löcher herum eine Soll-Bruchstelle befindet. Bei diesem Glas kann man ausnahmsweise den Deckel abschrauben, muss einen Teil manuell herausbrechen und das Ding dann wieder zusammenschrauben.

Fencheldeckel mit herausgelöstem Teil.
Nach ein wenig Handarbeit wird der Fencheldeckel zumindest auf einer Seite benutzbar.

Es wäre ja auch ein unbeschreiblicher Aufwand gewesen, das gleich am Fließband zu machen. Geiz ist bekanntlich geil. Und auf diese Art trägt man letztendlich nicht nur zu Bewegung und Sparsamkeit bei, sondern fordert auch noch den Grips heraus. Gewürzglasdeckel sind wirklich ein wertvoller Dienst an der Gesellschaft.

Kommentare

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Bisherige Kommentare

  • Tony T

    Witziger Text, darüber hab ich mir noch nie Gedanken gemacht! Vllt. kannst du den Text an ichkoche.at oder eine ähnliche Seite schicken. :)

    • Michael Treml (Seitenbetreiber)

      Antwort an Tony T:

      Ja, ich glaube, darüber haben sich bisher die wenigsten Leute Gedanken gemacht. Ich habe mir während des Schreibens ständig vor Augen gehalten, wie skurril es klingen muss, wenn ich jemandem erzähle, dass ich einen Artikel über Gewürzglasdeckel schreibe. :-D