Bildschirmhelligkeit: Leute, die in Lampen starren

In ihrer Standardeinstellung sind Bildschirme regelrechte Scheinwerfer. Aber manche Leute schrauben lieber an der Software statt einfach den Helligkeitsregler nach unten zu drehen.

Gesicht im Dunkeln, das nur von vorne angeleuchtet wird.
So werden Computer-Freaks in Medien oft dargestellt, aber ich würde es nicht lange aushalten, in solchen Lichtverhältnissen zu arbeiten.

Als einer meiner zwei PC-Monitore vor einigen Jahren das Zeitliche gesegnet hatte, musste etwas Neues her. Ich besorgte mir einen aktuellen Bildschirm, stelle ihn neben den alten, noch intakten, schaltete beide ein … und musste mir die Augen zuhalten, weil der neue mir so hell entgegen strahlte, dass der alte daneben wie ein Grablicht aussah.

Eines war klar: So konnte ich nicht arbeiten. Also musste ich die beiden aufeinander abstimmen. Der alte war bereits an seiner Leistungsgrenze, daher war der Stärkere zum Nachgeben gezwungen. Aber auch unabhängig von dieser technischen Vorgabe hielt ich es für eine gute Idee, den Strahlemann in die Schranken zu weisen.

Licht frisst Strom

Akku-Schonung ist im Zeitalter der mobilen Geräte wahrscheinlich das erste, woran Leute beim Thema Bildschirmhelligkeit denken. Und das nicht zu Unrecht. Ein Experiment mit einem iPhone 4 zeigte etwa, dass eine Akkuladung bei zehn Minuten Handynutzung pro Stunde 25 Prozent länger hält, wenn man minimale statt maximaler Helligkeit verwendet.

Auch auf meinen mobilen Geräten, zwei Smartphones und einem Laptop, ist die Laufzeit ein Grund, warum ich die Helligkeit deutlich nach unten geschraubt habe. Manch einem dürfte allerdings gar nicht in den Sinn kommen, dass es auch andere plausible Gründe gibt. So lachte mich etwa einmal jemand aus, der mich an meinem halbdunklen Laptop arbeiten sah, und meinte, dass ich offenbar dringend eine Powerbank – also einen externen Zusatzakku – bräuchte.

Nahaufnahme eines Bildschirmmenüs, in dem ein Symbol mit der Bezeichnung »ECO« ausgewählt ist.
Auch am Stand-PC ist Stromsparen offenbar ein Thema, denn mein Hauptmonitor hat eine eigene Öko-Voreinstellung, in der die Helligkeit auf ein erträgliches Maß gesenkt wird.

Dunkelheit ist populär, geringe Helligkeit nicht

Dass abseits von Laufzeit-Optimierern offenbar nur wenige Leute ihren Bildschirm dimmen, ist nachvollziehbar. Immerhin gilt es als Faustregel, dass nur die wenigsten Hardware- und Software-Nutzer an den Standardeinstellungen herumfummeln. Wenn der Standard am oberen Anschlag steht, dann bleibt er in der Regel auch dort.

Etwas paradox erscheint es in diesem Kontext allerdings, dass gleichzeitig diverse Software-Funktionen aus dem Boden sprießen, die auf viel umständlichere Weise durch Verdunkelung die Augen schonen und das Arbeiten angenehmer machen sollen.

So ist es etwa unter Programmierern schon lange populär, Entwicklungsumgebungen in dunklen Farbtönen zu verwenden, weil es viele als anstrengend empfinden, den ganzen Tag auf eine großteils weiß leuchtende Fläche zu starren. In den letzten Jahren ist ein sogenannter Dark-Mode auch in immer mehr andere Anwendungen eingekehrt und hat sogar einen eigenen Standard für Webseiten bekommen. Der Donaukurier hat zu so einem Dunkelmodus erst kürzlich geschrieben, dass dieser Jahr für Jahr von immer mehr Menschen genutzt wird, die »[…] gezwungen sind, viele Stunden vor einem ultraleuchtenden Bildschirm zu verbringen.«

Zwei Fenster des »GNU Image Manipulation Program«, eines in hellem Grau mit bunten Symbolen und eines in dunklerem Grau mit hellgrauen Symbolen.
Das Grafikprogramm GIMP kann wie viele andere Apps auch in einem Modus genutzt werden, der eines Bestattungsunternehmens würdig ist.

Ebenso hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass der blaue Lichtanteil von Bildschirmen die Ausschüttung des »Schlaf-Hormons« Melatonin unterdrücken kann und infolgedessen wurden Apps und Einstellungen entwickelt, die abends automatisch die Bildschirmfarben verstellen, um für besseren Schlaf zu sorgen.

Fenster »Einstellungen für den Nachtmodus«
»Was ist das?« – »Das ist blaues Licht.« – »Und was macht das?« – »Es stört den Schlaf.« (frei nach Rambo) Deshalb hat Windows einen Nachtmodus eingebaut, der wärmeres Licht ausgibt.

Für mich ist nur schwer nachvollziehbar, warum man eine dieser Trend-Lösungen verwenden sollte, wenn man einfach mit Bordmitteln die Helligkeit reduzieren kann. Niemand zwingt mich unter Androhung von Kerkerhaft dazu, vor einem »ultraleuchtenden Bildschirm« zu sitzen.

Den Dunkelmodi könnte ich bestenfalls zugute halten, dass sie jederzeit das volle Potential des Monitors auf Abruf bereit halten. So könnte ich etwa in einem augenschonenden Textprogramm einen Erpresserbrief schreiben, während ich mir nebenbei zur Inspiration einen Krimi anschaue, in dem das grelle Licht im Verhörsaal auch tatsächlich ein grelles Licht ist.

Im Gegenzug habe ich beim Dunkelmodus den Nachteil, dass alle verwendeten Apps und alle konsumierten Inhalte separat dafür optimiert sein müssen. Ein Web-Browser in Schwarz bringt nicht viel Augen-Entspannung, wenn die konsumierten Webseiten trotzdem überwiegend weiß sind.

Bei dem Blaulichtfilter stellt sich dagegen vor allem die Frage, ob man mit der Farbverfälschung leben kann. Für Grafiker ist so etwas wahrscheinlich ein Kapitalverbrechen.

Der Kontext macht die Helligkeit

Jetzt habe ich nebenbei schon erwähnt, dass der Nutzungskontext mitbestimmen kann, welche Monitoreinstellungen besser oder schlechter geeignet sind. Grafiker, Programmierer und Konsumzombies haben oft unterschiedliche Bedürfnisse.

Bei einem Bildschirm, der vorwiegend zum Videokonsum verwendet wird, kann es ich es ja noch verstehen, wenn die Wäsche in den Werbespots auch tatsächlich »weißer als weiß« aussehen soll, aber bei reinem Textkonsum ist das eine absurde Forderung. Schon in meinem Artikel über E-Book-Reader hatte ich thematisiert, dass nicht-leuchtenden Bildschirmen oft ihr vermeintlich dunkler Hintergrund angekreidet wird, obwohl dieser in Wahrheit nicht dunkler ist als eine typische Papierseite. Nur weil ich ein Gerät habe, das gleißend helles Weiß darstellen kann, muss ich das nicht auf Biegen und brechen ausreizen, bis mir die Augen bluten.

Papierbuch und E-Book-Reader. Links als Farbfoto; das Papier ist etwas gelblich, der Hintergrund des E-Book-Readers gräulich bis bläulich. Rechts das gleiche Bild in Graustufen: Der Hintergrund des E-Book-Readers ist nur geringfügig dünkler als das Papier.
Oft kritisiert, aber in einem Graustufenbild sieht man, dass ein unbeleuchteter E-Book-Reader kaum dunkler ist als die Seiten eines Papierbuchs.

Das heißt keineswegs, dass hohe Helligkeit beim Lesen unnütz ist; es kommt auch auf eine andere Art von Kontext – nämlich auf die Umgebung – an. Wenn mir im Freien die pralle Sonne aufs Smartphone scheint, reicht die höchste Helligkeitsstufe mitunter gerade so aus, um überhaupt irgendetwas entziffern zu können.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum Geräte in der Regel mit maximaler Helligkeit ausgeliefert werden. Andernfalls würden Käufer in einer hellen Umgebung sofort nach dem Auspacken sagen »taugt nichts« statt mal in die Einstellungen zu gucken. Wer dagegen in einer dunkleren Umgebung langfristig Kopf- oder Augenschmerzen vom Ins-Licht-Starren bekommt, bringt seine Beschwerden unter Umständen gar nicht mit dem konkreten Produkt in Verbindung und redet sich stattdessen ein, dass man Bildschirmarbeit generell nicht gut verträgt.

Dass ein zu heller Monitor Beschwerden verursacht, wird oft darauf zurückgeführt, dass man beim Arbeiten immer wieder mit den Augen zwischen Bildschirm und Umgebung wechselt und sich daher ständig auf komplett unterschiedliche Lichtverhältnisse einstellen muss. Eine wirklich handfeste Quelle zu dieser Theorie habe ich zugegeben noch nicht gesehen, aber sie klingt zumindest plausibel.

Mir persönlich hat reduzierte Helligkeit sehr geholfen. Ich habe es noch nie gut vertragen, im Dunkeln fernzusehen, und Arbeitskollegen, die im Büro ständig das Licht ausschalten, haben mir im wahrsten Sinne des Wortes schon Kopfschmerzen bereitet. Jetzt im Home-Office stehen meine (mittlerweile drei) Monitore an einem Platz, der den ganzen Tag über weder extrem hell noch extrem dunkel wird, und mit moderater Bildschirmhelligkeit kann ich rund um die Uhr davor sitzen … um mir den Rücken statt die Augen zu ruinieren.

Helligkeit lässt sich leicht ändern, anderes nicht

Blaulichtfilter und Dark-Mode habe ich schon erwähnt, aber ein weiterer Trend ist eine separate Erwähnung wert, nämlich die Webdesign-Empfehlung, keinen schwarzen Text auf weißem Untergrund zu verwenden.

Die liebliche Webpräsenz mit dem Namen »Motherfucking Website« hat eine gewisse Bekanntheit erlangt, weil sie wunderschön aufzeigt, wie einfach und effektiv das Erstellen von Webseiten sein könnte, wenn man praktisch alles außer dem Inhalt weglässt.

Davon inspiriert hat jemand eine ebenso entzückende Seite mit dem Namen »Better Motherfucking Website« erstellt. Diese zeige laut Autor, wie eine Seite mit gerade einmal sieben minimalistischen Formatierungen wesentlich besser wird … aber bereits über diese »Verbesserungen« lässt sich trefflich streiten. So wird unter anderem wörtlich empfohlen, den Text-Kontrast zu reduzieren:

»Schwarz auf Weiß? Wie oft sieht du diese Art von Kontrast im echten Leben? Reduziere ihn ein wenig, Arschloch.«
[Übersetzung des englischen Originals]

Das ist eine verdammte Drecksempfehlung … ähem … ich wollte sagen: Diesen Vorschlag kann ich so nicht unterstützen. Abgesehen davon, dass nur die wenigsten Bildschirme heutzutage überhaupt ein perfektes Schwarz darstellen können, geht dieser Tipp offenbar fix davon aus, dass die Helligkeit immer bis zum Anschlag hochgedreht ist. Auf meinem Monitor wirkt die Seite durch diese »Verbesserung« einfach nur seltsam ausgebleicht.

Browserfenster mit bettermotherfuckingwebsite.com über zwei anderen Programmfenstern. Der Text der Website ist blasser und größer als alle Texte um ihn herum.
Blass und aufgedunsen wie eine Wasserleiche … so wirkt diese Website neben den Dingen, die ich sonst so am Desktop habe.

Was aber wesentlich schlimmer ist: Diejenigen, die auf hohen Kontrast angewiesen sind, werden vor den Kopf gestoßen. Wer in der prallen Sonne ohnehin schon die Helligkeit am Maximum hat und trotzdem nichts lesen kann, nur weil der Webdesigner geringe Kontraste für schick hält, dem wird zumindest ein farbiges Vokabular durch den Kopf gehen, das der »Better Motherfucking Website« in nichts nachsteht.

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